Darics Heimkehr - Leseprobe
„Macht besser einen Umweg", hatte der Wirt in Grauburg gesagt. „Wenn Ihr sicher nach Bachgrund reisen wollt, solltet Ihr den Wald von Athon meiden." Und mit gedämpfter Stimme hatte er hinzugefügt: „Es ist ein verhexter Elfenwald. Nicht jeder, der hinein geht, kommt auch wieder heraus."
Daric dachte an die gutgemeinte Warnung, als er jetzt vor der grünen Wand der Bäume stand. Wie durch einen hohen Torbogen verschwand der Pfad darin, verwandelte sich von einem hellen Feldweg in eine zwielichtige Gasse, durchzogen von grünen Schatten und von einem Wispern, das Unheil verhieß.
„Wenn Ihr Euch schon nicht davon abbringen lasst, dann seid wenigstens auf der Hut. Weicht nicht vom Weg ab, auch nicht zum Wasserlassen. Und schon gar nicht zum schlafen. Sorgt dafür, dass Ihr den Wald innerhalb eines Tages durchquert habt - sonst gebe ich auf Euer Leben keinen Pfifferling!"
Daric konnte sich nicht erinnern, früher jemals solche Warnungen gehört zu haben. Man hatte die Elfen respektiert, diese Wesen der Wälder, die man niemals sah, und von deren Existenz die Menschen doch so sicher wussten, wie von der Luft, die sie atmeten. Man hatte sie geachtet, man hatte Geschichten über sie erzählt, man hatte sie an Bäumen und Quellen verehrt - aber niemals hatte man sie gefürchtet.
Etwas hatte sich verändert.
Daric rückte den Leinenbeutel mit seinen wenigen Habseligkeiten auf der Schulter zurecht und trat in das schattige Grün ein. Sofort umfing ihn der harzige Duft der Kiefern, den er tief einatmete. Es hatte seit Wochen kaum geregnet und die warme Luft war geschwängert vom Duft der Kiefern und der vertrockneten Fichtennadeln auf dem Boden. Es war der Geruch seiner Kindheit. Auf der anderen Seite dieses Waldes war er geboren worden, hatte er seine Kindheit verbracht.
Und auf dem Weg durch diesen Wald hatte er seine Kindheit verloren.
Sein Gesichtsausdruck wurde eine Spur grimmiger, als er daran dachte. Deshalb hatte er den Weg durch den Wald nehmen müssen. Nicht wegen der zwei Tage, die er dadurch gewann. Er war nun seit fast einem Monat unterwegs, zu Fuß von Geri-N'Gor bis zu den Ausläufern der Arinnen, in deren Umarmung Bachgrund lag. Zwei weitere Tage hätte er leicht auf sich genommen. Doch er war auf dem Weg zurück, zurück nach Hause, und auf diesem Weg wollte, ja, musste er an dem Ort vorbei, an dem sich alles verändert hatte.
Fünfzehn Jahre alt war er damals gewesen, zu jung für den Galgen. Anders, als sein Vater, dessen Hinrichtung er hatte mit ansehen müssen, bevor sie ihn selbst gebrandmarkt und in die Sklaverei verkauft hatten. Zu jung für den Galgen - doch nicht zu jung, um für die Arena ausgebildet zu werden. Zwei Jahre später hatte er zum ersten Mal tatsächlich getan, wofür man ihn verurteilt hatte: mit siebzehn hatte er zum ersten Mal einen Menschen getötet.
Daric schüttelte diese Gedanken ab, richtete seine Sinne auf den Weg, der ihn durch den Forst führte. Selbst, wenn er es gewollt hätte, wäre es ihm schwer gefallen von der Straße abzuweichen. Büsche und Bäume standen dicht zu beiden Seiten, dornig und wenig einladend. Die Elfen hatten offenbar Ihrerseits dafür gesorgt, dass die Menschen Abstand hielten.
Auch das war früher anders gewesen. Es erschien fast, als fürchteten die Elfen die Menschen.
Früher wäre ihm dieser Gedanke absurd erschienen. Die Elfen, magische Wesen, unsterblich oder doch unendlich alt, weshalb sollten sie die Menschen fürchten? Doch ein paar wenige Tage an der Seite einer Elfe hatten ihn gelehrt, wie zart und zerbrechlich diese mächtigen Wesen sein konnten.
Der Gedanke an Aroanida ließ ihn unwillkürlich lächeln. Er schmeckte noch ihren Kuss auf seinen Lippen, spürte ihre weiche Umarmung auf seiner Haut. Vor einem Monat hatte er sie in Geri-N'Gor zurück gelassen, doch wenn er die Augen schloss, stand ihr wunderschönes Elfengesicht so deutlich vor ihm, als habe sich das Bild auf die Innenseite seiner Lider gebrannt.
Daric marschierte weiter. Je länger der Tag fortschritt, umso genauer hielt er Ausschau nach dem Ort, den er suchte, nach der Birke, an deren blutbefleckten Stamm er sich erinnerte, nach dem Busch, in den er seinen Vater gezerrt hatte, als die Marodeure angriffen. Doch gegen Mittag wusste er, dass er den Platz übersehen hatte. Die Elfen hatten den Weg auf der gesamten Länge beidseitig zuwuchern lassen, und dies hatte ihn bis zur Unkenntlichkeit verändert. Es half nichts, er würde die Stelle niemals wiederfinden.
Er blieb er stehen. Nun, dies war zumindest der Wald, in dem es geschehen war. Zehn Jahre lang hatte er die Erinnerung fortgesperrt. Zehn Jahre lang war er nichts anderes gewesen als Daric, der Arenensklave, ein Mann ohne Nachnamen, ohne Familie, ohne Geschichte. Denn ein Mann ohne Zukunft brauchte auch keine Vergangenheit. Doch Aroanida hatte das geändert. Nun gab es eine Zukunft für ihn, und er würde sie dort beginnen lassen, wo seine Vergangenheit geendet hatte.
Daric war nicht als Sklave auf die Welt gekommen. Er war ein Bauerskind, hineingeboren in die Gemeinschaft einer Familie, eines Dorfes. Aroanida hatte recht gehabt: wenn er wirklich nach vorne wollte, musste er zuerst zurück, und das würde ihn durch den Schmerz führen. Er durfte die Augen nicht länger verschließen.
Er nahm den Beutel von der Schulter und ließ ihn zu Boden gleiten. Langsam, zögernd öffnete er sich den Bildern der Erinnerung.
Sie waren auf dem Markt in Grauburg gewesen, auf dem Rückweg nach Bachgrund. Er, sein Vater und fünf andere aus dem Dorf. Sie hatten zusammen auf dem Wagen gesessen, lachend, scherzend, voller Neuigkeiten, die sie zu Hause berichten wollten und jeder voller Sehnsucht, seine Familie wieder zu sehen - obgleich sie doch nur wenige Tage von ihr getrennt gewesen waren. Gerim hatte mit schüchternem Lächeln eine Kette herumgezeigt, mit der er seiner Liez endlich einen Antrag machen wollte. Der grüne Stein in der Mitte des Anhängers hatte einen kleinen Einschluss, weshalb er den Preis hatte herunter handeln können. Ob Liez das wohl als Makel ansehen würde? Doch alle hatten dies verneint und ihm ermunternd zugesprochen. Jeder wusste, wie sehr sie darauf wartete, dass Gerim endlich diesen Schritt tat.
Der Schmerz darüber, wie schön alles hätte sein können, bohrte sich mit feinen Nadeln in Darics Brust.
Dann waren sie gekommen: abgerissene Gestalten, halb verhungert, Angst im Blick und die Grausamkeit eines Krieges in den Köpfen, der weit entfernt tobte. Etwas hatte Daric gewarnt - der erstorbene Gesang der Vögel? Ein Schatten, wo keiner hätte sein dürfen? Es wusste es nicht mehr. Woran er sich erinnerte waren abgerissene Bilder und Empfindungen: Der grobe Leinenstoff von Vaters Hemd, als er seine Finger hinein krallte und ihn mit sich vom Wagen riss. Der dumpfe Aufprall und das Peitschen dünner Zweige auf seiner Haut. Die Schreie der Anderen, Vaters Hand auf seinem Mund, angstvolles Keuchen an seinem Ohr und das Rauschen des eigenen Blutes. Das schneidende Geräusch einer Schwertklinge, Blutspritzer auf einem weißen Birkenstamm, reglose Finger, aus denen eine silberne Kette genommen wurde - Liez würde Gerim niemals heiraten können. Das Trampeln der Pferdehufe, Stille.
Überall Blut. Die entstellten Toten mit weit geöffneten Augen und grotesk verrenkten Gliedmaßen. Die Kleider aufgerissen in der hastigen Suche nach Wertsachen. Klaffende Wunden in Hälsen und Körpern.
Daric, die Augen geschlossen, ächzte leise. Inzwischen hatte er mehr Blut und mehr Tote gesehen, als er zählen konnte, doch damals war er erst fünfzehn gewesen, und diese Toten waren Freunde gewesen, Vertraute, Menschen, die er liebte.
Er ballte die Fäuste, doch er wusste, dass er der Erinnerung weiter folgen musste. Der Weg zurück nach Grauburg - denn er war der Kürzere. Vater, mit gestauchtem Knöchel, schwer auf seiner Schulter. Dann das unverständliche: die Anklage. Sie sollten mit den Mördern unter einer Decke gesteckt haben. Wie anders hatten sie überleben können? Der Hass der Menschen - seines Dorfes! Liez, die ihm ins Gesicht spuckte. Er hatte es nicht verstanden. Wie konnten die Erwachsenen nur solche Lügen glauben? Es musste sich doch alles aufklären!
Doch das tat es nicht. Aus dem Alptraum gab es kein Erwachen.
Auf dem Waldboden ging Daric in die Knie. Er hatte Angst vor dem, was nun kam, aber die Erinnerungen ließen sich nicht mehr aufhalten. Der Damm war gebrochen.
Die Folter: Schmerz und Demütigung, der Grausamkeit ohnmächtig ausgeliefert, jeder Würde entblößt. Das Schlimmste: den Schmerz des anderen zu sehen und nicht helfen zu können. Vater war daran zerbrochen - er hatte gestanden, was er nicht getan hatte. Und Daric hatte sich geschämt dafür, geschämt für seinen Vater, der den Galgen doch nur gewählt hatte, um seinen Sohn vor der Streckbank zu retten.
Daric krümmte sich nach vorne und erbrach weißlichen Schleim auf den Waldboden.
Die Schlinge um Vaters Hals. Die Hilflosigkeit im Blick des alten Mannes als er seinen Sohn ein letztes Mal anblickte. Der Aufschrei seiner Mutter. Sein eigener Schrei: Vater! Dieser Mann, der so voller Güte und Freundlichkeit war, der ihn beschützt hatte und auf seinen Armen getragen. Wie konnten sie so etwas tun? Vater! Der Todeskampf. Das Zappeln des vertrauten Körpers, wie ein fremdartiges Tier in der Schlinge, vor aller Augen, entwürdigt, entblößt. Unrecht!
Daric hob den Kopf und schrie seinen Schmerz in den Wald hinein, schrie, bis er heiser war und erschöpft von den Bildern.
Das Ende, Vaters Körper still und ruhig. Die Endgültigkeit des Todes. Die rauen Hände nie wieder an seiner Wange spüren, die ruhige, tiefe Stimme niemals wieder vernehmen.
Tränen in den Augen, als sie ihn vom Schafott wegführten. Die letzten Tränen, die er jemals vergossen hatte. Nicht einmal, als sie ihm später das glühende Eisen auf die Haut gesetzt hatten, hatte er geweint. Das Brandmal des Mörders, das Leben in der Arena, nichts hatte an diesen Schmerz herangereicht, seinen Vater am Galgen zu sehen. Nichts hatte ihn jemals wieder so tief berühren dürfen.
Bis Aroanida gekommen war. Sie hatte ihn berührt, und sie hatte in ihn hinein geblickt, wie nur eine Elfe es konnte.
„Vergiss ihn nicht", hatte sie gesagt. „Das hat er nicht verdient."
Wieder schrie Daric, doch diesmal war es Wut. Wut über die Ungerechtigkeit des falschen Urteiles, über die Marodeure, die so viel Leid gebracht hatten, über den Tod eines guten Mannes.
„Nein!", schrie Daric und schlug mit der Faust auf den Waldboden. „Nein! Nein! Nein!" Wieder und wieder, bis seine Faust schmerzte und sein Arm erlahmte. Dann blieb er liegen, um den Schmerz herum zusammengekrümmt wie eine Raupe, verpuppt in Agonie.
Doch von irgendwo her kam Trost. Daric wusste nicht, woher. Doch langsam entspannte sich sein Körper, denn nun kamen andere Erinnerungen. Der Schmerz, der wie ein Pfropfen in seiner Seele gesteckt hatte, war gelöst. Er hatte den Weg frei gemacht für die Bilder seiner Kindheit. Sein Vater auf dem Feld, die Sense führend, wie kein anderer. Auf dem Erntefest, Mutter lachend im Kreis herum wirbelnd. Daric auf seinen Schultern reitend. Starke Arme, die seine kleine Tochter übermütig in die Luft warfen. Sein ansteckendes Lachen, seine warme Stimme, sein bewegender Gesang. Das Blitzen seiner Augen, wenn er von Bubenstreichen erzählte, die lang zurück lagen. Der Ernst in seinem Gesicht, wenn er ging, um einem Nachbarn in Not zu helfen.
Daric lag jetzt auf dem Rücken und sah das Blätterdach lichtdurchflutet über sich. Ja, so war er gewesen, Tede Toransohn. Und der Tod am Galgen konnte ein gutes Leben wie dieses nicht auslöschen.
„Ich werde dich nicht wieder vergessen, Vater." Feierlich sagte er das, wie einen Schwur. „Ich bin Daric Tedesohn, und ich bin stolz darauf, dein Sohn zu sein."
Kapitel 2 - Heimat
Es dämmerte bereits, als Daric den Waldrand erreichte. Unter ihm, in der Talsenke, schimmerten die Herdfeuer durch scheibenlose Fensteröffnungen. Inzwischen hatte Daric einiges von der Welt gesehen, die größten Städte des Reiches, sogar die Hauptstadt selbst. Verglichen damit erschien Bachgrund schlicht, geradezu ärmlich.
Doch arm war es nicht. Wenn die Bewohner auch keine Reichtümer anhäufen konnten, so hatten sie doch ihr Auskommen, und Daric erinnerte sich nicht, in seiner Kindheit jemals Hunger oder Mangel gelitten zu haben.
Bis an den Waldrand reichten die Felder heran, und Daric riss ein paar Kornähren ab und zerrieb sie zwischen den Handflächen. Es war noch früh im Sommer und das Korn schmeckte bereits süßlich - fast zu reif für diese Zeit des Jahres. Doch die Ähren waren klein, ein Zeichen für die lange Trockenheit.
Während er kaute suchten seine Augen die vertraute Silhouette des Dorfes ab. Viel hatte sich nicht verändert und schnell fand er sein Elternhaus. Es war nicht heruntergekommen oder verfallen, wie er befürchtet hatte, doch das war noch nicht das Ende seiner Sorge. Ob seine Mutter und seine Schwester noch dort lebten? Hatten sie die Wirtschaft alleine führen können? Oder gehörten Haus und Felder inzwischen einem anderen?
Die Sorge war ein unruhiges Tier, das in seinem Bauch auf und nieder lief, während er sich dem Dorf näherte. Sein Ziel war das zweite Gebäude des Dorfes. Die Bank neben der Tür, auf der seine Eltern abends gerne beieinander gesessen hatten, war noch da, aber sie war leer. Das Nutzgärtchen vor der Tür war gut gepflegt und stand voll im Saft - ein Blick in die Regentonne zeigte Daric allerdings, dass diese kaum noch zu einem Viertel gefüllt war. Aus dem Inneren des aus grauen Feldsteinen zusammengefügten Gebäudes leuchtete warmes Licht.
Wie die meisten Bauernhäuser war auch dieses länglich, mit einer Tür in der Mitte der Längsseite. Nach rechts, das wusste Daric, zog sich der Hauptraum des Hauses bis zu der Stirnseite mit dem Kamin. Links der Türe waren durch eine hölzerne Wand zwei Zimmer abgetrennt. In dem einen hatten früher seine Eltern geschlafen, in dem anderen er und seine Schwester, bis er es vorgezogen hatte, sein Bett unter das Dach zu verlegen.
Daric fragte sich, wie es jetzt da drinnen wohl aussah. Dennoch klopfte er nicht an. Er stand regungslos in der Dämmerung und fragte sich, ob es eine gute Idee gewesen war, her zu kommen. War es recht, sie mit seiner Rückkehr zu belasten? Wenn sie hier noch lebten, schien es ihnen offensichtlich gut zu gehen.
Doch was, wenn ganz fremde Menschen ihm öffneten? Wenn seine Mutter und seine Schwester bereits tot waren, umgekommen in Elend und Armut, weil er ihnen nicht hatte beistehen können? Daric fürchtete sich. Als ihm das bewusst wurde, ballte er die Hände zu Fäusten, holte tief Luft - und klopfte an ...
Willkommen in Esthers Welt
