Der Knecht - Leseprobe

 

 

 

Kapitel 1 - Flüchtling

 

 Roberian rannte. Zweige peitschten in sein Gesicht, dorniges Gestrüpp hinterließ blutige Striemen auf seinen Armen. Er trat in einen Hasenbau, fiel, rappelte sich hoch, rannte weiter ohne sich umzudrehen. Wie nah war Skarag? Verfolgte er ihn allein oder war die ganze Meute hinter ihm her? Er wusste, wie sie eine Jagd genossen, wie es ihre Blutgier anstachelte. Wenn sie ihn erreichten, würden sie ihn zerfleischen wie ein Rudel Wölfe.

Er duckte sich unter den Ästen hinweg, hechtete über einen umgestürzten Baumstamm, jagte weiter. Sein Herz hämmerte gegen seinen Brustkorb. Mit schützend erhobenen Armen kämpfte er sich durch Gestrüpp, strauchelte wieder, fing sich ab, riss sich die Handfläche blutig. Kehle und Lunge schmerzten, als atme er spitze Tannennadeln, seine geschundenen Beine waren nahezu taub.

Abrupt endete der Wald. Roberian stand plötzlich auf einer Wiese, ungeschützt, preisgegeben. Er stockte, beugte sich keuchend vornüber, die Hände auf die Knie gestützt, und hustete gequält. Angestrengt lauschte er durch das Pumpen seines eigenen Blutes hindurch. Nichts war zu hören, außer ein paar Vögeln und dem Murmeln eines Baches. Ob sie die Verfolgung aufgegeben hatten? Hatten sie ihn entkommen lassen? Nein, bestimmt nicht. Skarag versenkte sein Messer viel zu gerne in warmem Fleisch.

Robs Kehle war rau wie Eichenrinde. Mit zitternden Beinen stolperte er zum Bach hinunter und warf sich bäuchlings am Ufer nieder. Er tauchte das erhitzte Gesicht in das Wasser, trank durstig, ließ seine brennenden Arme vom Bach umspülen und schöpfte das kalte Nass über seine schweißverklebten Haare. Dabei hob er immer wieder den Kopf und spähte wachsam zum Waldrand hinüber.

Und dann hörte er Schritte hinter sich: vorsichtig tastend auf dem Uferkies. Er erstarrte. Ohne nachzudenken spannte sich seine Hand um einen Flusskiesel, die einzige Waffe, die ihm zur Verfügung stand, kümmerlich gegen Skarags Messer oder Tinnos schartiges Schwert, doch der Überlebensinstinkt ließ ihn handeln, ohne zu denken, wie ein in die Enge getriebenes Tier. Jeder Muskel in seinem Körper spannte sich an während seine Ohren das Näherkommen des Gegners einschätzten. Dann, mit einer plötzlichen Bewegung, sprang er auf, wirbelte herum, den Stein zum Schlag erhoben.

Aber es war nicht Skarag. Ein Mädchen stand da, erschrocken die Hand auf die Brust gelegt, die Augen weit aufgerissen. Ihr schlanker Körper zeigte bereits weibliche Rundungen und steckte in ordentlicher, bäuerlicher Kleidung: ein graues, gerade geschnittenes Kleid mit einer ebenso geraden Schürze, die als breite Stoffbahn ihren ganzen Körper bedeckte. Wie er war auch sie barfuß, denn Schuhe waren teuer und für die abgehärteten Fußsohlen der Bauern auch nicht unbedingt erforderlich. Blondes Haar kräuselte sich lustig über den Ohren, wo es dem strengen Zopf entkommen war. Sie drückte einen Wasserschlauch an sich und sah ihn mit großen, unglaublich hellen Augen an. Langsam senkte er den Arm.

"Du hast mich vielleicht erschreckt!", murmelte sie und fügte mit einem schüchternen Lächeln an: "Aber ich dich offenbar auch."

Er antwortete nicht. Wasser troff aus seinem Haar und er strich es mit einer knappen Bewegung zurück. Seine Blicke suchten den Waldrand ab, doch von seinen Verfolgern war nichts zu sehen. Er warf den Stein zurück ins Wasser.

"Was machst du hier?", fragte sie, während sie sich am Ufer in die Hocke niederließ, um den Schlauch zu füllen. "Bist du unterwegs nach Ferrin?"

Er nickte wortlos, als sie fragend zu ihm hinauf blickte.

"Da wollen wir auch hin. Wir können dich ein Stückchen mitnehmen, wenn du magst. Oh!" Ihre Augen wurden groß. "Bist du verletzt?"

Er folgte ihrem Blick und betrachtete das Blut, das unter seinem Fuß hervor über den Kies rann.

"So kommst du heute nicht mehr bis Ferrin", prophezeite sie. "Komm mit, du kannst bei uns auf dem Wagen mitfahren." Sie lächelte ihn an, während sie ihren Schlauch verschloss. Dann erhob sie sich, schulterte das glucksende Gefäß und zeigte mit ausgestrecktem Arm einen Hang hinauf.

"Schaffst du es bis da hoch?"

Wieder nickte er stumm und folgte dann dem Mädchen. Bald tauchte ein hölzerner Karren in seinem Blickfeld auf und daneben zwei blonde Männer, breit und gedrungen wie Stiere. Er stockte.

Es war Wahnsinn, mit diesen Männern zu fahren. Das waren freie Bauern, und offenbar weder schwach noch zimperlich. Sie gehörten zu DENEN, und wenn sie herausbekamen, wer er war, was er war ...

"Wen hast du denn da mitgebracht?" Der eine Mann hob die Augenbrauen.

"Ich hab ihn unten am Fluss getroffen. Er will nach Ferrin. Ich habe gesagt, wir können ihn ein Stück mitnehmen."

"Aber natürlich. Ich bin Sussek!" Der Bauer streckte dem Jungen die Hand entgegen. Der zögerte, seine eigenen, schmalen Finger in der rauen Pranke zu versenken, aber das hier war seine Chance zu entkommen. Also schlug er ein, auch wenn es ihm bei dieser Berührung kalt den Rücken hinunter lief.

"Rob", murmelte er.

„Das ist Jonk, mein Knecht.“

Ein erneutes Händeschütteln und ein Griff, fest und hart wie Holz.

„Na, dann klettere mal rauf. Du kannst dich mit Melinda hinten auf die Ladefläche setzen.“

Hinten an dem Wagen war ein Esel angebunden, an dem sich der Junge scheu vorbei drückte. Kurz darauf saß er neben dem Mädchen an eine Rolle Leinenstoff gelehnt und sah den Wald entschwinden, durch den er vor kurzem noch gehetzt war. Er hoffte, dass sie verschwunden sein würden, bevor Skarag und die anderen auftauchten.

"Du siehst nicht aus, wie ein Handwerksbursche", brummte Sussek, der auf dem Kutschbock saß und seinen Ochsen lustig laufen ließ. "Bist du ein Tagelöhner?"

Wieder nickte der Junge stumm.

"Aber die Erntehelfer sind doch schon lange wieder weg!", wunderte sich Melinda. "Bist du etwa den ganzen Winter über hier geblieben?"

Ein erneutes  Nicken.

"Es wird eine Weile dauern, bis deine Leute wieder in den Norden kommen", sagte Sussek. Er warf einen kurzen Blick über die Schulter zu dem Jungen hinüber, der mit abwesendem Gesichtsausdruck die vorbeiziehende Landschaft betrachtete. Als der Angesprochene nicht reagierte, zuckte der Bauer die Schultern und wandte sich wieder seinem Ochsen zu, der den Karren mit dumpfer Stetigkeit voran brachte.

 

Melinda hingegen betrachtete den fremden Jungen verstohlen. Wie alt er wohl sein mochte? achtzehn vielleicht? Oder älter?

Er sah ganz anders aus, als die Leute in ihrer Gegend. Seine Haut war braun wie Kirschbaumholz, seine Haare, die langsam trockneten, hatten die Farbe frischer Kastanien. Sein Blick aus schräggestellten Augen schien verschleiert, dabei aber wachsam, fast lauernd. Nahezu schwarz waren diese Augen, viel dunkler als im Norden üblich.

Er war auch schmaler, als die Menschen in ihrem Dorf, schlanker und feiner gebaut. Eigentlich war er sogar erschreckend mager. Sein Gang wirkte nicht so fest und bestimmt, eher vorsichtig und ausweichend. Trotzdem war er bestimmt nicht schwächlich. Wie er am Fluss aufgesprungen war, geschmeidig und entschlossen wie ein Wolf, das hatte ihr schon imponiert.

Als sie an den Fluss dachte, fiel ihr auch wieder das Blut ein, das unter seinem Fuß hervorgequollen war, und der dicke Bluterguss, der unter seinem verrutschten Hemd hervorgeleuchtet hatte. Woher er den wohl hatte?

Als spürte er ihren Blick wandte er ihr kurz das Gesicht zu, und aus den schwarzen Augen traf sie ein misstrauischer Blick. Verlegen wandte sie sich ab und hielt ihre Nase in den Fahrtwind.

 

*      *      *

 

Zweige knackten und prasselten, als der dicke Golog sich seinen Weg durch das Unterholz brach. Als er keuchend am Waldrand erschien hockten die anderen schon am Ufer eines Baches. Tinno sah ihm entgegen und warf missmutig Kiesel ins Wasser, während Skarag hektisch wie ein Wiesel hin und her lief. Schließlich blieb er stehen und hob die Hand.

„Ich hab eine Spur!“

Tinno ließ die Kiesel fallen und drehte sich um.

„Wo?“

„Er muss da hoch gelaufen sein!“

Skarags Arm streckte sich den Hang hinauf und Tinno machte eine auffordernde Handbewegung.

„Kommt, Männer!“

Der ganze Haufen folgte träge. Die Unterbrechung der Hatz hatte ihnen offenbar den Elan genommen.

Mit der Sonne im Rücken konnte nun auch Tinno das heruntergedrückte Gras sehen, das zwei schnurgerade Linien zur Straße hinauf abbildete.

„Das kann nicht seine Spur sein. Er war allein“, knurrte er. Skarag hielt wortlos einen flachen Feldstein hoch, auf dem der blutige Abdruck zweier Fußzehen zu erkennen war.

„Es wäre ein großer Zufall, wenn hier noch jemand mit einer frischen Wunde am Fuß herumlaufen würde.“

„So eine kleine Ratte. Hat er es geschafft, bei irgend jemandem unter zu kriechen.“

Sie erreichten den Weg und konnten von dort ihre Blicke über die Weiden links und rechts der Straße schweifen lassen. Der zarte Staub in der Luft ließ erkennen, dass hier vor kurzem ein Wagen gefahren sein musste.

„Wo ist er hinverschwunden?“ Golog kratzte sich verwundert den Schädel und Frett, der seinen Namen seinem Frettchengesicht verdankte, meinte:

„Er wird bei einem Bauern mitgefahren sein.“

„Wer würde eine abgerissene Kanalratte wie Rob mitnehmen?“, gab Skarag hämisch zurück, doch Tinno nickte bedächtig.

„Du darfst nicht vergessen, dass wir schon ziemlich weit im Norden sind“, brummte er. „Die Menschen hier sind anders. Die nehmen schon mal einen Landstreicher mit.“ Ein hässliches Grinsen verzerrte seine Züge. „Er wird ihnen die Kehlen durchschneiden und uns einen schönen Batzen Geld mitbringen, wenn er wiederkommt.“

Skarag hob erstaunt die Brauen.

„Du wolltest ihn umbringen“, gab er zu bedenken. Tinno lachte.

„Er kennt mich. Er weiß, dass ich ein weiches Herz habe und ihn wieder aufnehme. Er muss nur ein paar Münzen mitbringen und zeigen, dass er ein wertvolles Mitglied der Gruppe werden kann.“

 

*      *      *

 

Es dämmerte schon, als sie in Ferrin ankamen, und Sussek hielt direkt auf eine Herberge zu. Ein halbwüchsiger Knecht lümmelte vor dem Tor herum und sprang auf, als sie sich näherten.

"Habt ihr noch ein Zimmer frei?", erkundigte sich der Bauer.

"Aber ja, Herr. Ich werde Euer Pferd ...“ er stockte kurz und korrigierte sich dann: „Euren Ochsen versorgen!"

"Danke, und vergiss Igar nicht", Sussek zeigte auf den Esel und kletterte vom Kutschbock. "Wird die Kutsche überdacht untergebracht?"

"Natürlich, Herr, und das Hoftor wird verschlossen. Ihr könnt alles ruhig darauf liegen lassen."

Auch die anderen hatten inzwischen das Gefährt verlassen und Melinda kraulte dem Esel die spärlichen schwarzen Haare zwischen den Ohren.

"Gute Nacht, Igar. Ich hoffe, der fette Ochse schnarcht nicht zu laut!"

Rob stand neben dem Wagen und blickte sich misstrauisch um.

Der üblichen Bauweise folgend war die Herberge ein hufeisenförmiges Gebäude, das einen Innenhof mit einem Brunnen umgab. Oben befanden sich die Gästezimmer, unten die Ställe und die Gaststube. Die zur Straße hin offene Seite konnte durch ein Tor verschlossen werden - eine Falle, wenn es ernst wurde. Jeder Instinkt riet ihm, so schnell er konnte zu verschwinden, aber dann kroch der Geruch von Kohlsuppe in seine Nase und sein leerer Magen meldete sich lautstark.

"Isst du noch mit uns, oder hast du Freunde in Ferrin?"

Der Junge zuckte unwillkürlich zusammen, als Susseks Bass unmittelbar neben ihm losdröhnte. Er sah den Mann einen Moment lang an, dann schüttelte er stumm den Kopf, was natürlich keine sinnvolle Antwort auf die Frage des Bauern war. Aber Sussek ließ sich nicht verwirren.

"Komm einfach mit", forderte er den Jungen auf, dessen Magen schon wieder vernehmlich knurrte, "Klingt, als könntest du was vertragen."

Sie betraten den Schankraum, wo der Wirt sie mit einem feisten Lächeln begrüßte.

„Sussek vom Erlenhof! Schön, dass Ihr uns wieder beehrt! War Eure Reise erfolgreich?"

"Ich bin zufrieden. Ist noch was von der Kohlsuppe da, die wir draußen riechen konnten?"

"Aber natürlich. Setzt euch!"

Rob sah sich verstohlen im Schankraum um, in dem der Geruch von Bier und Pfeifentabak waberte. Er hatte ein düsteres, schmutziges Loch erwartet, laut und durcheinander, einfach nur deshalb, weil er es nicht anders kannte. Aber der Raum war hell und ordentlich und auch die Gespräche waren gedämpft. Man würde ihn sehen.

Nur zögernd folgte er den anderen zwischen die murmelnden Menschen hinein. Erst jetzt wurde ihm wirklich bewusst, dass er alleine war. Seine Leute waren nicht hier, hinter deren großspuriger Ruppigkeit er sich verstecken konnte: Tinno, Skarag, Mo.

Mo! Er schloss kurz die Augen als die Erinnerung kam – Mos Aufschrei, der ungläubige Blick auf den Messergriff in seiner Brust, dann der Blutschwall, der über die zitternden Lippen gestürzt war, das Röcheln, als er in die Knie brach.

Rob schüttelte sich. Er durfte jetzt nicht daran denken.

Von allen Seiten trafen ihn müde Blicke, während er den anderen zu einem Tisch folgte. Er reckte die Schultern und versuchte, die herablassende Haltung einzunehmen, die er sonst bei solchen Gelegenheiten zur Schau trug, aber es gelang ihm nicht ganz. Wieder fühlte er eine Gänsehaut.

Es waren die Bauern der Gegend, reisende Kaufleute, Handwerksburschen auf Wanderschaft. Sie würden es wissen, würden sehen, dass er nicht hier her gehörte, dass er anders war. Sie würden ihn mustern und einschätzen, würden sich fragen, wo er herkam und was er wohl tat, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Sie würden überlegen, warum seine Haut so dunkel und seine Haare so lang waren, und vielleicht würden sie die ‚Kralle’ entdecken, und dann würden sie ihn erschlagen.

"Jetzt setz dich schon!"

Melinda hatte ihm einen Stuhl zurechtgerückt und sah ihn auffordernd an.

"Wo kommst du eigentlich her?", versuchte sie ein Gespräch zu beginnen, als er sich gesetzt hatte, aber sie erntete nur einen stummen Blick. Sussek unterhielt sich unterdessen mit dem Wirt, der an ihren Tisch getreten war. Rob beobachtete, wie der Mann hölzerne Löffel und Schalen auf der Tischplatte verteilte, und starrte einen Moment lang auf diejenige, die der Mann direkt vor ihn gestellt hatte.

Er würde jetzt von der Suppe essen können. Die Frage war, ob er es schnell genug nach draußen schaffte, wenn man feststellte, dass er gar kein Geld besaß, sie zu bezahlen. Er blickte auf, als der Wirt ging, um das Essen zu holen, und traf Susseks Blick. Einen Moment lang sah er den Bauern an.

"Ich habe kein Geld", sagte er schließlich.

"Sieh an", brummte Jonk, der begonnen hatte, sich eine Pfeife zu stopfen. "Kann ja doch reden."

"Lass man gut sein", winkte Sussek ab. "Ein mageres Kerlchen wie dich werde ich schon noch aushalten können."

Was wollten diese Leute von ihm? Hatten sie vor, ihn in der Nacht zu überwältigen, und ihn irgendwo als Sklaven zu verkaufen? Steckten sie am Ende mit Tinno und Skarag unter einer Decke und sollten ihn in Sicherheit wiegen, bis die anderen kamen? Nein, dass war dann doch zu abwegig.

Vielleicht hatten sie irgendein schmutziges Geschäft vor, an dem sie sich nicht selbst die Finger verbrennen wollten. Tinno hatte oft genug einträgliche Aufträge von Leuten erhalten, die in ihrer Stadt als ehrbar und anständig galten. Ja, dass war es. Diese Leute hier hatten eine Arbeit zu erledigen, die ein mittelloser Herumtreiber viel besser tun konnte, als ein ehrenwerter Bauer.

Bei dem Gedanken entspannte er sich ein wenig. Sie wollten etwas von ihm, nun gut. Er würde es sich anhören, und bis dahin würde er eben nehmen, was sie ihm anboten.

 

*      *      *

 

„Du willst also wirklich noch weiter in den Norden hoch?“ Skarag schüttelte den Kopf während er in die Flammen starrte. „Ich halte das für keine gute Idee.“

Tinno hob die Brauen.

„Seit wann geb ich ’nen Scheiß auf deine Meinung?“, fragte er.

„Im Norden gibt’s nur Bauern! Was wollen wir bei denen holen?“

„Wir haben doch jetzt nen Spion da oben.“

„Du meinst Rob?“ Skarag schüttelte den Kopf. „Meinst du wirklich, dass wir den noch mal wiedersehen?“

„Er ist immer noch mein Sohn. Wir müssen nur rausfinden, wo er steckt. Dann wird er uns die fettesten Fische an die Angel binden.“

„Nach allem, was passiert ist?“ Frett legte zweifelnd den Kopf auf die Seite.

„Er weiß, dass er was bieten muss, wenn er zurück in die Familie will. Warts ab, er wird ein paar Tage lang versuchen, sich alleine durchzuschlagen, und dann hungrig und auf allen Vieren zurück gekrochen kommen.“ Tinno stand auf und streckte sich. „Ihr werdet schon sehn, der kommt zurück.“

Er drehte sich um und stapfte in die Dunkelheit. Kurz darauf hörten die andern das unverkennbare Geräusch eines Urinstrahls, der auf Blätter trifft. Frett beugte sich zu Skarag hinüber.

„Der Alte wird langsam sentimental“, brummte er. „Wird vielleicht doch Zeit, dass jemand anderes die Führung übernimmt.“

Skarag blitzte ihn an.

„Noch ein Wort und ich schnitze dir ein zweites Grinsen in die Kehle“, raunte er drohend. Frett hob die Hände.

„Ich hab nichts gesagt!“

 

*      *      *

 

Der Wirt hatte eingewilligt, Rob kostenlos im Stall übernachten zu lassen, während die drei anderen Reisenden sich ein Zimmer teilten.

"Auf dem Wagen liegt eine Wolldecke, damit kannst du dich zudecken", sagte Melinda, bevor sie den Männern nach oben folgte. Rob nickte nur stumm. Er hatte sich den Magen so voll geschlagen, dass er nahe daran war, zu erbrechen. Bisher hatte er, als der Jüngste im Haufen, nur selten so viel zu essen bekommen. Meist blieben für ihn nur die Reste, und manchmal hatte er sich selbst über die erst hermachen können, wenn die anderen zu betrunken gewesen waren, um ihn noch zu bemerken.

 

Die Körper des Händlers und seines Sklaven hängen in grotesker Verrenkung über dem Wagen. Auf der Ladefläche lagert reiche Beute: Geld, Wein zum saufen und Tuch, das sie verkaufen können. Tinno kennt einen Abnehmer, einen Hehler, der sie nicht übers Ohr hauen wird. Grund zum Feiern. Sie schlachten das Pferd. Es wäre genug da, für alle, aber Tinno besteht darauf, dass nur ein einziges Feuer gemacht wird. Angeblich ist das weniger auffällig. Rob weiß es besser.

Nur ein Feuer – nur ein Braten, der sich darüber dreht. Sobald eine Schicht gar ist, schneidet einer der Männer sie sich herunter. Es ist die Art von Zeremonie, die die Rangordnung klar stellt. Und Rob ist der jüngste, der schwächste.

Er hält sich im Hintergrund, schleicht um den Kreis der Männer wie ein Straßenköter um ein Aas, um das noch die Wölfe lagern. Er wartet auf seine Gelegenheit. Der Duft des gebratenen Fleisches weht zu ihm herüber, aber er muss warten, obwohl sein Magen knurrt, wie ein wütender Bär. Mit halbem Ohr hört er die zotigen Witze, die zwischen den Männern hin und her fliegen. Inzwischen hat auch Mo etwas gegessen, und sogar der verkrüppelte Garn. Da bemerkt ihn  Tinno.

„Komm’ her Rob!“ Der Junge zögert. „Komm, na komm her!“ Tinno klopft sich auf den Schenkel, als wolle er ein Tier anlocken, und wie ein geprügelter Hund nähert sich der Junge, vorsichtig, geduckt.

„Du hast Hunger, was?“

Ein stummes Nicken. Tinno wedelt mit einem Stück Fleisch.

„Lass ihn Männchen machen!“ lacht Skarag. Die anderen grölen. „Oder bellen!“

„Was seid ihr nur für gemeine Halunken!“ Tinno grinst fröhlich. „Na, komm her!“

Rob bleibt vorsichtig, während die anderen weiter lärmen.

„Er soll es sich verdienen! Lass ihn irgendwas machen!“ Er wünschte, sie würden die Mäuler halten, und Tinno nicht auf irgendwelche Gedanken bringen. Aber Tinno hat genug eigene Ideen. Er braucht die Vorschläge der Anderen nicht. Er wirft das Fleisch in die Glut, wo es sich zischend in der Asche rollt.

„Na los, hol es dir, bevor es ganz verkohlt ist!“

Er hat Hunger und Hunger tut weh. Er verbrennt sich die Finger bei dem Versuch, das Fleisch zu retten, und die Männer lachen über seinen Schmerzenslaut, als sei er ein Witz gewesen. Aber schließlich hat er es, halb verbrannt, bedeckt von Asche und Kohle, und zieht sich damit in die Dunkelheit zurück.

„Das nächste Mal kannst du drauf pissen“, hört er Skarag verächtlich sagen. „Er isst es trotzdem!“ Und er ahnt, dass Tinno das früher oder später ausprobieren wird.

 

Rob schüttelte den Kopf, um die Erinnerung zu vertreiben. Die Leute hier hatten ihm bereitwillig den letzten Rest in der Schüssel überlassen, und das machte ihn misstrauisch. Was, zum Teufel, wollten sie von ihm? Wollten sie erreichen, dass er in ihrer Schuld stand, damit er sich verpflichtet fühlte, ihnen zu helfen, wenn sie ihm schließlich eröffneten, was sie von ihm wollten? Nun, wenn das ihre Idee war, hatten sie sich geschnitten. Wenn sie dumm genug waren, hatte er kein Problem damit, sie auszunutzen und dann sitzen zu lassen.

Er beobachtete, wie die Bauern die Treppe hinaufstiegen und über die rund um den Hof laufende Balustrade zu ihrem Zimmer gingen, dann wankte er zum Stall hinüber, kletterte auf den Wagen und legte sich die Wolldecke um die Schultern. Er saß da und starrte auf den Ochsen, der wiederkäuend in der Ecke lag.

Er war Skarag und Tinno entkommen, er hatte so gut gegessen, wie schon lange nicht mehr, und jetzt hatte er einen trockenen Platz zum schlafen.

Trotzdem, die Zukunft stand vor ihm, wie ein großes, schwarzes Loch. Er war noch nie alleine gewesen. So lange er zurückdenken konnte, immer war Tinno da gewesen, Mo und Skarag. Er hatte sie nicht besonders gemocht, aber er hatte zu ihnen gehört. Jetzt war Mo tot, und Skarag würde ihm mit Freuden die Kehle durchschneiden, wenn er ihn jemals wieder treffen sollte.

Er atmete tief ein. Wenn wenigstens Saik hier wäre. Aber Saik war nicht mit ihnen gekommen. Er war zurückgeblieben, hinter der Mauer, und wahrscheinlich würde er ihn niemals wieder sehen. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, über die Mauer zu gehen. Das Leben hier hatte sich bisher nicht besonders von dem auf der anderen Seite unterschieden, und wäre er zurück geblieben, wäre er wenigstens Tinno los geworden.

Mit einem Schaudern wurde ihm plötzlich klar, dass genau das jetzt der Fall war. Er war nicht mehr bei Tinno – und auch nicht bei Saik. Er war ganz alleine, und konnte nicht sagen, ob das besser war.

Ein Schnauben lenkte seine Aufmerksamkeit auf den struppigen Esel, der neben dem Ochsen am Boden lag.

Vielleicht bot sich hier eine einfache Lösung. Er konnte den Esel stehlen und ihn irgendwo verkaufen. Dass würde ihm genügend Geld verschaffen, um zurück in den Süden zu gehen und sich einem anderen Haufen anzuschließen. Einem, wo es jemanden gab der schwächer oder jünger war, als er selbst. Oder vielleicht würde sogar Tinno ihn wieder aufnehmen, wenn er einen Weg fand, ihm zu beweisen, dass er würdig wäre. Und wie konnte er das besser beweisen, als mit einem Beutel voll klingender Münzen?

Er sprang vom Wagen und ging zu dem Tier hinüber, das die Ohren neugierig in seine Richtung drehte. An der Wand hing der Halfter, und Rob nahm ihn unschlüssig in die Hand. Er hatte genügend Pferde gestohlen um zu wissen, wie der Halfter anzulegen war. Obwohl es im Stall so dunkel war, dass er kaum etwas sehen konnte, bewerkstelligte er es mit einigem Geschick und der Esel stellte sich bereitwillig auf. Als der Junge jetzt aber auffordernd zog, bewegte sich das Tier keinen Schritt.

Roberian fluchte leise und versuchte es wieder, aber der Esel machte dem Ruf seiner Art alle Ehre: störrisch und unverrückbar blieb er stehen, wo er war.

Nach einigen wüsten Verwünschungen gab der Junge es auf. Dann eben nicht. Ein Esel brachte ohnehin nicht viel ein. Der Ochse war zu groß und ihm irgendwie unheimlich, aber in den anderen Ställen waren sicher Pferde untergebracht. Würde er eben eines von denen nehmen.

Die Decke wie einen Mantel um die Schultern gelegt schlich er zum Ausgang und sah, wie zwei Gestalten mit einer Fackel über den Innenhof gingen. Rasch duckte er sich in den Schatten der Scheune zurück.

Wie er es befürchtet hatte: sie gingen zum Eingang und schlossen die schweren Flügeltüren des Hofes. Dann legten sie einen Riegel vor und kehrten zum Haus zurück.

Rob biss sich auf die Lippen.

Der Riegel sah schwer aus. Er würde ihn zwar bewegen können, aber ob er das tun konnte, ohne Lärm zu machen, oder sonst irgendwie die Aufmerksamkeit der Gäste oder des Personals auf sich zu ziehen, daran zweifelte er. Vielleicht würde er entkommen, aber ein Pferd mitzunehmen, könnte schwierig werden.

Er legte den Kopf in den Nacken und sah zu den beiden Monden hinauf, die gelblich-weiß am Himmel trieben. Der kleinere war fast voll und sein Licht ließ die Gebäude bläuliche Schatten werfen.

Dann drehte er sich um und sah zu dem Wagen hinüber, den er in der Dunkelhit der Scheune kaum ausmachen konnte. Das aufgerollte Leinen bot ein weicheres Nachtlager, als er es in der letzten Zeit gehabt hatte. Vielleicht war es das einfachste, sich anzuhören, was dieser Bauer von ihm wollte. Wenn es kein lohnendes Angebot war, konnte er immer noch irgend etwas stehlen und verschwinden.

Er seufzte auf, zog sich die Decke fester um die Schultern und trottete zurück zum Wagen.

 

*      *      *

 

Sussek schob unterdessen den Riegel vor und stellte die Öllampe auf den Tisch in der Ecke.

"Was hältst du von dem Jungen?", fragte er seinen Knecht. Der zuckte die Schultern.

"Weiß nicht. Kommt mir komisch vor. Nicht wie ein Erntehelfer."

Sussek nickte nachdenklich.

"Für mich sieht er aus, wie ein Knecht, der seinem Brotherrn weggelaufen ist. Zugegeben, er scheint knapp gehalten worden zu sein."

Melinda blickte Jonk an, dann ihren Vater. Die Männer betrachteten den fremden Jungen offenbar nicht mit besonderem Wohlwollen, aber die beiden hatten ja auch nicht gesehen, was sie gesehen hatte.

"Ich glaube, er ist nicht gut behandelt worden", sagte sie leise. Sussek drehte sich zu ihr um.

"Warum denkst du das?"

"Als ich ihn am Fluss getroffen habe, hat er am Boden gelegen und Wasser getrunken. Sein Hemd war ein Stück hoch gerutscht, und ich konnte seinen Rücken sehen." Sie stockte.

"Hatte er Spuren von Schlägen auf dem Rücken?", fragte ihr Vater nach. "Striemen vielleicht?"

Sie nickte scheu und schauderte, als sie an den riesigen schwarzblauen Fleck dachte, den sie gesehen hatte. Wenn es Schläge gewesen waren, dann musste der Stock, oder was auch immer es gewesen war, seinen Rücken mit großer Wucht getroffen haben.

"Es hat bestimmt ziemlich weh getan." Ihre Augen waren dunkel vor Mitgefühl.

"Vielleicht ein entlaufener Sklave", gab Jonk zu bedenken.

Melinda schluckte. Sklave! Das Wort hörte man nicht oft im Norden.

"Könnte er nicht bei uns arbeiten?" Sie sah bittend zu ihrem Vater hinauf. "Zumindest, bis seine Leute wieder kommen?"

Sussek kratzte sich am Kinn.

„Was wissen wir schon von ihm? Er ist ganz alleine unterwegs und scheint nicht zu wissen, wo er hin will.“

„Du hast doch eben selbst gesagt, dass er vielleicht einem brutalen Herrn weggelaufen ist.“

„Wenn er wirkliche in Sklave war, wird man ihn suchen. Dann sollten wir uns nicht einmischen.“

„Vielleicht war er ja kein Sklave, bloß ein Knecht!“

„Oder ein Raufbold“, warf Jonk ein. „Scheint jedenfalls irgendwo Scherereien zu haben. Sollten uns da raus halten“

Aber Melinda wollte nicht so schnell aufgeben. Sie erinnerte sich an die Angst in seinen Augen, unten am Fluss, seinen gehetzten Blick. Er tat ihr leid. Sie wollte ihm so gerne helfen.

„Du hast doch neulich gesagt, wir könnten noch einen Knecht gebrauchen, jetzt, wo wir Gerinots Acker gekauft haben.“ Sie sah ihren Vater bittend an und der nickte langsam.

„Naja, die Arbeit wächst uns bald über den Kopf.“

„Dann such lieber einen richtigen Knecht“, brummte Jonk unwillig, „keinen Herumtreiber.“

Sussek seufzte auf.

„Ich werde darüber nachdenken“, sagte er schließlich, um das Thema jetzt nicht weiter verfolgen zu müssen, aber der liebevolle Blick, den er seiner Tochter dabei zuwarf, veranlasste den Knecht sich unter missbilligendem, wenn auch unverständlichem Gemurmel unter seine Decke zu verkriechen.

 

*      *      *

 

Am nächsten Morgen weckten die Erlenhofer den Jungen, als sie im Morgengrauen in den Stall kamen.

"Na du Langschäfer?", neckte Melinda den Jungen, der sich die Augen rieb. "Hast du gar keinen Hunger?"

"Hat ja gestern genug für zwei Tage gegessen", brummte Jonk. Er beugte sich hinunter und rieb verwundert das Halfter zwischen seinen Fingern, das der Esel noch immer trug. Er blickte zu Rob hinüber aber er sagte nichts.

"Hier, ich hab dir was vom Frühstück mitgebracht. Hast du gut geschlafen?" Melinda hielt dem Jungen ein Brötchen hin, das mit Käse belegt war. Misstrauisch musterte er zuerst das Brot, dann das Mädchen. Das musste schon eine verflixt heikle Aufgabe sein, wenn sie ihn so umsorgten.

"Ich habe nachgedacht", brummte der Bauer nach einem Räuspern. "Falls du Arbeit suchst, können wir darüber reden.“

Aha, jetzt kam es.

„Ich zahle dir fünf Groschen im Monat, zahlbar bei Vollmond - der größere der Monde. Dazu freie Wohnung und Verpflegung. Und wenn du dich gut machst, können wir über den Lohn noch mal reden."

Er sah den Jungen fragend an, aber der reagierte nicht. Noch wusste er nicht, was er überhaupt tun sollte, aber der Bauer gab keine weitere Erklärung ab, sondern blickte den Jungen nur erwartungsvoll an.

"Nun, was sagst du?", fragte er auffordernd. Rob runzelte die Stirn.

"Wofür?", fragte er schließlich.

"Was meinst du, wofür?"

"Wofür das Geld? Was soll ich tun?"

Jetzt war es Sussek, der die Stirne runzelte.

"Du wärst Jungknecht auf meinem Hof, mir und Jonk unterstellt. Tatsächlich eigentlich allen unterstellt, denn wir haben keine weiteren Knechte oder Mägde auf dem Hof."

Rob nickte nachdenklich und Sussek hielt ihm die Hand hin.

"Dann schlag ein, mein Junge."

Nur zögernd legte Rob seine Hand in die des Bauern. Harte, schwielige Finger legten sich um die seinen wie das Metall einer Kette, als ob dieser Handschlag ihn einsperrte. Unwillig wischte er diesen Gedanken beiseite. Schließlich war er kein Gefangener. Trotzdem blieb ein unbestimmtes Gefühl von Verpflichtung, das fremd und unbehaglich war.