Der Nymphen Tod - Leseprobe
Krachend traf die Axt auf das Holz und die gespaltenen Scheite polterten zu Boden. Holzfuß bückte sich nach dem nächsten Klotz, doch als er die beiden Frauen bemerkte, hielt er inne.
Gäste waren selten in den Bergen, solch ungewöhnliche Gäste erst recht. Die kleinere der Frauen, braun und zäh wie getrocknetes Leder, führte einen Lastesel zum Dorfplatz hinüber, der von den Langhäusern der drei Dorfsippen gebildet wurde. Sie war eine beunruhigende Erscheinung, in grobe Stoffe und Felle gekleidet, die in verwirrenden Fetzen um ihren Körper baumelten.
Ihr Alter war kaum einzuschätzen, denn aus den Falten ihres verwitterten Gesichts leuchtete eine jugendlich anmutende Neugier und Offenheit. Ein gewundener Stab, der sie um Kopfeslänge überragte, diente ihr als Wanderstock. An seiner Spitze flatterten Federn und Fellstücke im Wind.
Es war die erste Aurate, die Holzfuß in seinem Leben sah. Im Dorf lebte die alte Gerante, die sich mit Kräutern und Heilsprüchen auskannte, doch diese hier war anders, war unendlich mehr. Es hieß, dass Auraten mit den Geistern sprechen konnten, dass sie im Zustand der Verzückung sogar selbst eintreten konnten in die Anderwelt. Was sie dort sahen und erlebten, wagte er sich kaum vorzustellen.
Aber noch erstaunlicher war die andere Frau. In fließende, blaue Stoffe gekleidet bildete sie den stärksten Gegensatz zu ihrer erdfarbenen Begleiterin. Alles an ihr wirkte zart und irgendwie vornehm. Das Kleid, das sie umfloss wie Wasser, schien durchsichtig und doch verhüllte es ihren Körper so vollständig, dass sogar die Hände gelegentlich darin verschwanden. Die leichte Sommerbrise genügte, um es in sanfter Bewegung zu halten, und auch ihre blonden Haare umspielten beständig den Kopf wie Wellen eine Sandbank. Ihre Gesichtszüge waren ebenmäßig und ihre Haut makellos. Noch nie hatte er einen schöneren Menschen gesehen.
„Was stehst du hier rum und gaffst Löcher in die Luft?!“
Holzfuß hob den Arm und wies auf die beiden Fremden, doch Bauer Fodrott hatte sie bereits bemerkt und starrte ihnen mit offenem Mund hinterher.
„Da soll mich doch ...“ Er schüttelte unwillig den Kopf. „Was will so eine Drude in unserem Dorf?“
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Den Stab in der rechten, das Zaumzeug des Esels in der linken Hand, blieb Katena stehen und schaute sich um. Der Pfad hatte sie zwischen die drei Langhäuser geführt, die zusammen mit zwei kleineren Vorratsscheunen das gesamte Dorf bildeten. Die hohen Strohgiebel aller fünf Gebäude zogen sich fast bis zum Boden hinunter, was ihnen das Aussehen überdimensionaler Zelte verlieh. Im Inneren würde die Spitze des Daches ständig mit dem Rauch des Herdfeuers gefüllt sein, der in geheimnisvollen Schlieren über den Menschen waberte, wie ein Abbild der Anderwelt.
Katena war selbst in einem solchen Haus geboren worden. Sie kannte die muffige Geborgenheit, die man sich mit dem Vieh teilte, und das schweißige Beieinander der menschlichen Herde im Winter, wenn sich der Schnee draußen zu dichten Wehen türmte. Sie kannte das Wohlige aber auch das Bedrückende dieser Enge. Sie hatte die Boshaftigkeit der Rotte geschmeckt und den Schmerz der Einsamkeit, wenn die Sippe strafte oder schlicht nicht verstand.
Heute trug Katena ihre Andersartigkeit mit Stolz und Würde. Doch die Einsamkeit war nie mehr ganz von ihr gewichen.
Während Katena den ansteigenden Pfad hinauf geschritten war, hatten sich ihr mehr und mehr Dörfler angeschlossen. Schaulustige Erwachsene und lärmende Kinder umringten Katena inzwischen in einem dichten Pulk. Sie alle waren ärmlich gekleidet, manche in grobes, schlicht geschneidertes Leinen, wenige in Leder, die Kinder halb nackt.
Katena dachte daran, wie mühsam und eingeschränkt das Leben dieser Menschen war. Um dem Leben das Nötigste abzutrotzen, mussten sie alle ihre Möglichkeiten nutzen: den Ackerbau wie die Wildfrüchte, die Viehzucht wie die Jagd. Nur ein paar Tage zu viel Regen, oder auch zu wenig davon, bedeutete einen Winter voller Hunger. Ein früher Kälteeinbruch, und die Jäger kamen ohne ausreichende Mengen an Fleisch nach Hause. Da blieb kein Raum und keine Zeit, um die Wunder der Geisterwelt zu ergründen oder auch nur die Schönheit einer Blüte zu würdigen.
War es nicht sinnlos, ausgerechnet hier nach dem Einen zu suchen?
Doch energisch verbot sich Katena diesen Gedanken. Sie würde tun, wozu sie hergekommen war.
Vor einem der Häuser sah sie einen Greis auf einem hölzernen Stuhl wie auf einem Thron sitzen. Das faltige Gesicht wurde von einer unförmigen Nase dominiert, unter der ein grauer Bart wie vertrocknetes Moos wucherte. Die gichtigen Finger hatten sich klauenartig um die Armlehnen gekrümmt und die Füße schauten mager und ausgedörrt unter dem Stoff seines Gewandes hervor. Doch aus seinen Augen blitzte ein wacher, misstrauischer Verstand.
Das musste der Dorfälteste sein, und sich ihm vorzustellen ihre erste Pflicht als Gast. Wenn er auch nicht der eigentliche Anführer der Gemeinschaft war – denn alle wichtigen Entscheidungen wurden in der Dorfversammlung getroffen – so war er doch ihr Repräsentant, und ihn zu ehren hieß, das Dorf zu ehren.
Katena ließ den Esel zurück und als sie den Mann erreicht hatte, verneigte sie sich tief.
„Ehrwürdiger Ältester, mein Name ist Katena, Aurate aus den Häusern von Solém.“
Sie sah die zusammengekniffenen Augen des Alten und konnte das Wort „Drude“ geradezu hinter seiner Stirn lesen. Er wahrte den Anstand – aber vermutlich mehr aus Angst denn aus tatsächlicher Freundlichkeit. Die Menschen fürchteten, was sie nicht verstanden. So war es schon immer gewesen, so würde es immer sein. Und was war schwerer zu verstehen, als die Anderwelt, diese Gefilde jenseits von Traum und Tod, in denen sich die Auraten bewegten.
Der Älteste starrte sie eine Weile regungslos an, dann nickte er langsam, als hätte er sie nach seiner Musterung für würdig erachtet, ein Wort von ihm zu empfangen.
„Ich bin Bolbon, der Älteste dieser Siedlung. Was führt dich in diese Gegend, so fern deiner Sippe?“
Die Gemeinschaft von Solém war keine Sippe, sondern ein Zusammenschluss von Lehrern und Schülern, doch Katena verzichtete darauf, ihn darüber zu belehren. Sie konnte nicht erwarten, dass diese Bauern mehr kannten, als sie im Herbst aus ihren Feldern gruben.
„Das Orakel von Velt hat mich gesandt, um hier nach einem Auserwählten zu suchen.“
Für einen Moment entglitt Bolbon die Kontrolle über seine Gesichtszüge.
„In unserem Dorf?!“
Katena neigte zustimmend den Kopf.
„So hat es das Orakel geweissagt.“
Bolbon zögerte und sagte dann mit bedächtiger Vorsicht: „Ich will nicht an den Worten der Geister zweifeln, doch bist du sicher, sie richtig verstanden zu haben?“
Nichts war verständlich gewesen an diesem Orakelspruch, weshalb die Auraten in alle Himmelsrichtungen ausgezogen waren, um Kandidaten zu finden, die sie in den Weißen Häusern von Solém weiteren Prüfungen und einer Ausbildung unterziehen konnten.
„Ein Orakelspruch ist kaum je eindeutig, ehrwürdiger Anführer, und ich habe Brüder und Schwestern, die in anderen Teilen der Welt nach dem Auserwählten suchen. Ich aber bin überzeugt, dass die Geister mich in dieses Dorf geschickt haben.“
Bolbons Blick war noch immer skeptisch.
„Ich kenne jeden hier im Dorf seit dem Tage seiner Geburt. Wie soll er denn aussehen, der Auserwählte?“
Aussehen! Als ob das Orakel ihr ein Gemälde überreicht hätte!
„Ich weiß nicht einmal, ob es ein Mann oder eine Frau ist“, entgegnete sie mit bemühter Geduld. „Doch mit deiner Erlaubnis werde ich den Bewohnern dieses Dorfes einige Aufgaben stellen. So werden wir erkennen, ob jemand hier über die notwendigen Fähigkeiten verfügt.“
„Und was sind das für besondere Fähigkeiten?“ Bolbon hob die Brauen. „Darf man das zuvor erfahren?“
„Natürlich.“ Katena lächelte geduldig. „Er muss nicht mehr können als sehen, hören und fühlen.“
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Angrid war aufgeregt wie ein kleines Mädchen. Tara beobachtete ihre Cousine, wie sie aufgeregt auf den Zehenspitzen wippte, und konnte sich ein mitleidiges Lächeln nicht verkneifen.
„Eine Aurate!“, jubelte Angrid. „Eine echte Aurate ist in unser Dorf gekommen!“
Und das wird wohl das Aufregendste bleiben, dass in deinem Leben jemals geschehen wird, dachte Tara. Angrid war das, was man ein braves Mädchen nennt. Schon lange half sie Großmutter Gerante beim Sammeln und Trocknen der Kräuter und machte sich in der Sippe auf typisch weibliche Art nützlich. Zweifellos würde sie bald den ihr zugedachten Ehemann heiraten und ihm viele fröhliche, nützliche Kinder schenken.
Das war nicht das Leben, das Tara sich wünschte. Lieber zog sie mit den Jägern los, auch wenn ihr Vater missbilligend die Stirn runzelte und die Frauen über sie tuschelten. Doch das war ihr egal. Sie würde nicht ihr gesamtes Leben in diesem kleinen Bergdorf verbringen, so viel war sicher. Sie würde die Welt sehen. Was kümmerte sie also, was engstirnige Dörfler über sie dachten?
Doch das mit der Aurate interessierte auch sie.
„Ist sie nicht auch einfach nur eine Heilkundige?", fragte sie ihre Cousine, "wie Gerante auch?"
Doch Angrid schüttelte energisch den Kopf.
„Eine Aurate ist ungleich beeindruckender – ein Löwe verglichen mit einem Fuchs, ein Adler im Vergleich zu einem Sperling! Gerante kann die Zeichen der Geister deuten, doch die Aurate kann mit ihnen selbst verkehren, kann eintreten in ihre Welt."
„In die Anderwelt?“, fragte Tara misstrauisch. Sie hatte sich nie sehr für dergleichen interessiert, doch dies kam selbst ihr zu gewagt vor. Dennoch nickte Angrid energisch.
„Ich sagte doch, dass es eine Ehre für das Dorf ist!“
Das schien allerdings nicht jeder so zu sehen. Als Tara sich umschaute bemerkte sie viele misstrauische und reservierte Gesichter. Sie konnte das durchaus verstehen. Leute, die mit Geistern verkehrten und ihre Füße in die Welt der Toten setzten, das jagte selbst ihr einen Schauder über den Rücken.
Doch jetzt wurde ihre Aufmerksamkeit von einer Bewegung am Ratsfelsen in Anspruch genommen. Dieser behauene Stein markierte den Mittelpunkt des Dorfes - und damit den Mittelpunkt der Welt. Es gab viele solcher Mittelpunkte in geschiedenen Dörfern und auch auf der Festwiese am kalten Fluss. Tara wunderte sich gelegentlich, wie es sein konnte, dass die Welt über mehr als nur einen Mittelpunkt verfügte, doch hatte sie diese Frage nie ausreichend interessiert, um sie einem der Ältesten zu stellen.
Die Aurate stieg auf den Felsen, der die Mitte des Dorfes markierte, denn keines der drei Langhäuser hätte ausreichend Platz für alle Bewohner geboten. Als sie sich aufgerichtet hatte, strich ihr Blick über die versammelten Menschen und schien auf jedem einen kurzen Moment zu verharren, als seine sie alle gleich wichtig.
„Seit ewigen Zeiten“, begann die Aurate mit einer Stimme, die weit über die Zuhörer trug, „lebt das Volk der Nymphen unter uns. Seit ewigen Zeiten feiern sie ein Leben in Schönheit und Anmut, unerreicht von Leid und Not. Doch nun steht dieses uralte Volk am Rande seines Todes, und ich bin hier, um denjenigen zu finden, von dem die Legenden berichten.“ Sie ließ eine Pause entstehen und Tara erkannte in den Augen der Umstehenden die gleiche zwiespältige Beklommenheit, die sie selbst empfand.
Die Aurate war also gekommen, um einen Auserwählten zu suchen, einen, von dem Sagen und Orakel sprachen. Hier aber waren Bauern und Hirten versammelt, Jäger und Handwerker. Keiner von ihnen hatte jemals Umgang mit Geistern und Göttern gehabt. Ihre einzige Verbindung zur Anderwelt waren gelegentliche Opfergaben an alten Bäumen oder Felsformationen, die schon ihre Vorfahren als heilige Orte verehrt hatten, bewohnt von Nymphen und Waldgeistern. Niemand hier war etwas Besonderes. Wieso glaubte die Aurate, ausgerechnet unter ihnen einen mythischen Helden finden zu können? Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr wich die Beklommenheit einem Gefühl von Belustigung.
„Es wird berichtet“, fuhr die Fremde fort, „dass einer aus dem Geschlecht der Menschen die Nymphen erretten wird, einer, der die Gabe hat zu sehen und zu hören, der die Nymphen fühlen kann wie kein anderer. Ein Mensch, der am Ende seiner Taten die Erfüllung seines größten Wunsches als Lohn erhalten wird! Ich bin hier, um diesen Menschen zu finden.“
Das klang nun doch zu albern. Hören und sehen sollten ausreichen um alle Wünsche erfüllt zu bekommen? Daran sollte es nicht fehlen! Tara legte ihre Hände wie einen Trichter an den Mund und rief: „Wir können hier alle hören und sehen! Und Wünsche haben wir auch genug!“ Die Spannung unter den Zuhörern löste sich mit einem Lachen. Tara hatte erwartet, dass die Aura verärgert reagieren würde, doch die schickte stattdessen ein herausforderndes Schmunzeln zu der jungen Frau hinüber.
„Das könnt ihr alle bald beweisen“, entgegnete sie. „Schichtet Holz auf, wie zu einem Freudenfeuer. Heute Abend, wenn die Sicheln der Amithrite am Himmel erscheinen, wollen wir es entzünden und ihr werdet mir berichten, was ihr in den Flammen seht!“
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Später saß Tara in der Abendsonne und beobachtete Holzfuß dabei, die Scheite für das große Feuer aufzuschichten. Niemand half ihm dabei. Wozu auch? Tara wusste, wie die anderen im Dorf dachten: Bis zur Dunkelheit war noch genügend Zeit, das würde der Krüppel schon alleine schaffen. Immerhin hatte ihn ja irgendwer zu dieser Arbeit eingeteilt, und man selbst hatte genug anderes zu tun.
Tara schüttelte den Kopf, und obwohl sie Holzfuß nicht besonders gut leiden konnte, stand sie auf, um ihm zu helfen. Er nickte ihr einen kurzen Dank zu und sie nickte zurück. Stumm und einträchtig arbeiteten sie miteinander.
Tara hatte keine Ahnung, wie Holzfuß’ wirklicher Name war. Als man ihn gefunden hatte, draußen, zwischen den Felsen der Hochweide, war er halb tot gewesen: ein Knabe, vielleicht fünf Jahre alt, mager und fiebernd. Geronnenes Blut hatte sein Gesicht bedeckt, als wäre es aus Augen und Ohren gelaufen. Sein linkes Bein war unterhalb des Knies nur mehr ein verkohlter Stumpf gewesen.
Tage und Wochen hatte Gerante um das schwache Leben gekämpft und Tara hatte mit den anderen Kindern an der Türöffnung gestanden, bis man sie alle hinaus gescheucht hatte. Irgendwann waren die Spiele wieder interessanter geworden. Nur Angrid hatte es immer wieder zu dem Kranken zurück gezogen. Der magere, von Fieberträumen gepeinigte Junge hatte das Mädchen fasziniert, sein Schicksal hatte ihr Herz berührt. Wie oft hatte sie sich ganz auf ihrem Lager flüsternd mit Tara unterhalten und darüber gemutmaßt, welch grausames Erlebnis ihn in die Wildnis verschlagen und ihn das Bein gekostet hatte. Denn als er endlich erwacht war, hatte er es nicht zu erzählen vermocht. Holzfuß war stumm, und obwohl Gerante all ihre Kunst aufgewendet hatte, konnte nichts ihm seine Sprache zurückgeben.
„Es ist nicht seine Zunge“, hatte Gerante ihren Enkelinnen erklärt. „Was immer er auch gesehen hat, es hat die Worte aus seiner Seele gebrannt und ihn verstummen lassen. Ein verwundetes Herz können Kräuter nicht heilen.“
Es hatte ihm nicht nur die Worte geraubt, sondern auch die Erinnerung. Selbst mit den Fingern oder durch das Abnicken von Fragen hatte er ihnen nicht berichten können, woher er kam und was ihm widerfahren war. Nicht einmal seinen eigenen Namen hatte er mehr gewusst. Von ihm hatten sie also nichts erfahren, und auch beim Sommerfest am Kalten Fluss, wo man sich mit den Bewohnern aus den anderen Siedlungen traf, hatte ihn niemand gekannt.
Weil er stumm war und ohne Erinnerung, hatten viele ihn zu Anfang für schwachsinnig gehalten, aber das war er nicht. Er besaß wache Augen und schien immer genau zuzuhören. Nur was er dachte, blieb für alle ein Geheimnis.
Inzwischen hatten fünfzehn Sommer aus dem mageren Knaben einen drahtigen jungen Mann gemacht. Sehnig, die Haut dunkel gefärbt von Schmutz und Sonne, bewegte er sich mit seinem Holzbein so geschickt, dass man ihm sein Gebrechen kaum anmerkte. Die dichten, blonden Haare, die seinen Kopf in ungezähmter Fröhlichkeit umstanden, zeigten deutlich, dass er aus keinem der Dörfer in den Kahlen Bergen stammte, in denen die Menschen dunkelhaarig und braunäugig waren, und auch sein Körperbau passte nicht zu den schmalen Gestalten der Gegend.
Eigentlich, dachte Kara, als sie ihn jetzt so beim Arbeiten beobachtete, war er gar nicht hässlich. Dennoch mochte sie ihn nicht. Er war einfach zu fügsam, zu zahm. Er würde zu Angrid passen.
Früher, als er jünger gewesen war, war er sogar geschlagen worden. Nicht weil er aufsässig gewesen wäre, sondern einfach, weil sein zahmes Wesen dazu geradezu herausforderte. Seine Dulderhaltung reizte Tara gelegentlich noch heute.
Doch manchmal gestand sie sich ein, dass dies vielleicht auch aus einer Wut darüber herrührte, dass er sich als Fremder besser in ihr Dorf und ihre Sippe einfügte, als sie selbst, die sich oft wie eine Fremde und Ausgestoßene fühlte.
Holzfuß bewohnte seinen eigenen, kleinen Verschlag in ihrem Langhaus, direkt neben dem Vieh, und konnte nicht mehr sein Eigen nennen, als die Hose, die er trug, und den Strick, mit dem er sie sich um die Hüften band. Auch wenn es nie ausgesprochen wurde, so war doch klar, dass er nicht frei war, sondern dem Dorf gehörte, wie die Ziegen und die Hühner – und selbst wenn es nicht so gewesen wäre: wohin hätte er schon gehen sollen?
Angrid trat aus dem Langhans, wo sie für die Unterkunft der Aurate gesorgt hatte. Als sie sah, dass Tara und Holzfuß das Holz fertig aufgeschichtet hatten, griff sie nach einem Krug und kam zu ihnen herüber. Tara trank zuerst und reichte dann das Gefäß an Holzfuß weiter. Er neigte den Kopf zum Dank, legte den Krug auf den angewinkelten Arm und hob den Ellenbogen, um das Wasser in seinen Mund rinnen zu lassen. Dann ließ er es auch über die verschwitzten Haare perlen.
Angrid musterte das aufgestapelte Holz.
„Was meinst du, was werden wir heute sehen?“, fragte sie nachdenklich.
„Keine Ahnung“, antwortete Tara. „Hast du eine Idee, Holzfuß?
Der Gefragte zuckte mit den Schultern, dann bildete er mit seinen Fingern geschickt die Flammen eines Feuers nach.
„Ja!“ lachte Tara. „Das nehme ich auch an!“
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Kait stand auf einer Klippe und betrachtete den Wald, der sich unter ihm ausbreitete. Schütter zog sich der Forst die zerklüfteten Bergflanken hinauf, um in der Ferne von den grauen Zacken des Hochgebirges überragt zu werden. Selbst jetzt, im Sommer, waren die Gipfel schneebedeckt und leuchteten im Feuer der untergehenden Sonne.
Kaits Blick wanderte von den Berghöhen zurück zum Wald und weiter bis zu der einschüchternden Tiefe direkt vor seinen Füßen: fünf, zehn Manneslängen gerade Felswand. Einen kleinen Schritt trat er näher an den Abgrund heran, so dass er seine nackten Zehen um die Kante krümmen konnte. Er beugte sich vor, starrte hinunter. Wie lange es wohl dauern würde? Ob der Aufprall schmerzhaft war? Oder kam der Tod so schnell, dass man ihn nicht mehr bemerkte? Ob Wölfe seinen Körper fortschleppen und zerreißen würden? Oder fand vielleicht ein Wanderer nach vielen Jahren seine ausgebleichten Knochen? Vielleicht nicht – er hatte einmal gehört, dass die Knochen eines Besessenen schwarz wären, weil er noch im Tode den bösen Geistern der Anderwelt gehörte.
Er würde es nie erfahren.
Kait breitete die Arme aus und schloss die Augen. Langsam verlagerte er sein Gewicht nach vorne, bis er fühlte, wie sein Schwerpunkt sich über die Felskante hinaus schob und es kein Zurück mehr gab.
Unvermittelt fiel er. Der Schock des Sturzes schoss wie ein Pfeil vom Magen in die Kehle, ließ ihn die Augen aufreißen und presste ihm einen ungewollten Schrei über die Lippen. Unfähig, sich zu bewegen, sah er den felsigen Boden näher kommen, in unwirklicher, täuschender Langsamkeit. Die Panik in seinem Kopf ließ keinen Gedanken zu. Der Schrei füllte ihn schrill. Seine Gliedmaßen wollten kämpfen, rudern, sich retten, und zogen sich doch nur hilfesuchend zusammen.
Dann fühlte er einen Ruck, ebenso vertraut wie verhasst. Sein Körper schien in Flammen aufzugehen, schien zugleich zu zerfließen und sich zu einem Knäuel der Wut zusammen zu ballen.
„Nein!“, schrie er verzweifelt. Dann hielt der Boden in seiner rasenden Fahrt inne. Hüfthoch über den tödlichen Felsen endete Kaits Sturz und sein Körper verharrte schwebend in der Luft.
„Was soll das?“ Der Dämon klang gelangweilt. Kait hörte die Stimme aus seinem eigenen Inneren, das sich mit kalter, höhnischer Bösartigkeit gefüllt hatte – Empfindungen, die nicht die seinen waren, und es doch waren, untrennbar vermischt und verwoben mit seinen eignen Gefühlen des Zorns und der Angst.
„Lasst mich gehen!“, brüllte Kait.
Ein Lachen flutete wie heiße Lava durch seine Eingeweide.
„Dich gehen lassen? Wohin denn? Du gehörst uns! Hier und in der Anderwelt!“
„Ich will euch nicht mehr gehören! Ich will frei sein!“
„Sei nicht albern“, brummte der Dämon. „Du bist ein Mensch. Du bist niemals frei.“ Kaits Körper drehte sich sachte, bis seine Füße den Boden berührten und er stand. Er blickte die Klippe hinauf, von der er gestürzt war. Der Fels strahlte rötlich und Kait wusste nicht, ob es der Widerschein der untergehenden Sonne war oder der des dämonischen Feuers, das aus seinen eigenen Augen loderte.
Ein Grollen ließ ihn herumfahren.
Ein Wolf kauerte groß und grau unter den Bäumen. Den Kopf gesenkt, die Nackenhaare gesträubt, die Fänge entblößt, knurrte er das fremde Wesen an, das dort am Fuße des Felsens stand – den Halbgeist, die Verbindung zwischen Mensch und Dämon. Kait spürte die Angst und den Abscheu des Tieres wie einen heißen Wind. Selbst dieser Wolf wusste es: Dass Kait nicht richtig war, dass er der Natur widersprach und sie verhöhnte, dass ein Wesen wie er nicht in diese Welt gehörte.
In ihm wallte Blutdurst auf, der Wunsch, die Arroganz dieses Tieres zu zerschmettern, diesen schwachen, fellbedeckten Körper zu zerreißen, der zu wissen glaubte, was gut war, und richtig. Er wusste, dass nur frisches Blut die Wut kühlen konnte, die in ihm loderte.
„Geh schon“, flüsterte der Dämon. „Hol ihn dir!“
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Der letzte Rest der Abenddämmerung verblasste schon, als die Aurate endlich mit der Höhe des Holzstapels zufrieden war. Holzfuß zog sich zurück. Zwischen den Menschen, die sich in einem weiten Kreis versammelt hatten, sah er Angrid stehen.
Holzfuß mochte die junge Heilerin. Sie war die einzige im Dorf, die immer freundlich zu ihm war. Zu ihr ging er, wenn ihm der Rücken schmerzte vom Bücken und Tragen – oder von den Schlägen. Sie hatte nicht nur eine Salbe für ihn, sondern immer auch ein freundliches Wort.
Auch jetzt lächelte sie ihm zu, doch er nickte nur knapp zurück. Vielleicht hätte er sich zu ihr gesellt, wenn dort nicht schon Tara gestanden hätte.
Die junge Frau war die einzige Jägerin des Dorfes, vielleicht sogar der gesamten kahlen Bergen. Obgleich es einer Frau nicht verboten war das Waidwerk zu betreiben, wurde es doch von den meisten mit Befremden, wenn nicht Missbilligung beobachtet. Und auch Holzfuß verstand sie nicht.
Was brachte eine Frau, die doch Trägerin des Lebens war, dazu, andere Wesen töten zu wollen? Weshalb wollte sie mit ihren schmalen Armen unbedingt einen Bogen spannen, der doch stets weniger Durchschlagskraft haben würde, als der eines Mannes?
Er war ein Geist des Widerspruches in ihr, der nie zufrieden war, der stets Verlangen trug, nicht nach mehr sondern nach anderem. Sie selbstständig zu wissen, was sie wollten. Doch dies hier, ein Leben in Sicherheit und Gemeinschaft war es offenbar nicht. Und diese Unzufriedenheit trug sie wie einen ständigen Vorwurf um sich her.
Doch manchmal, in seinen dunkelsten Stunden, beneidete Holzfuß sie um die Freiheit und Unabhängigkeit, die ihr ständiger Kampf gegen alle ihr beschert hatte.
Eine Bewegung ging durch die Menge und Holzfuß hob neugierig den Kopf. Er beobachtete, wie einer der Dörfler zu der Aurate trat und ihr einen der Lehmkörbe reichte, in denen die Jäger unterwegs das Feuer transportierten, ein anderer brachte eine große Tonschale voller Wasser.
Zuerst stellte die Aurate die Schale mitten auf den Holzstoß. Dann verwendete sie die Glut aus einem der Hausherde, um das Feuer zu entfachen. Bald loderten die Flammen und die Schatten der versammelten Menschen zuckten wie geisterhafte Schemen über den Dorfplatz. Es war ungewöhnlich still. Jeder wartete gespannt darauf, was die Aurate ihnen zeigen würde, die jetzt auf das Feuer zu trat, drohend ihren Stab darüber schüttelte, dass die Anhängsel wild zuckten, und dann Pulver aus einem Beutel in ihre Handfläche rieseln ließ. Unter fremdartigen Gesängen in einer unbekannten Sprache umrundete sie das Feuer und streute das Pulver in die Flammen, die davon grünlich aufleuchteten, doch sobald die Substanzen verzehrt waren, wieder zu ihrer eigentlichen Farbe zurückkehrten. Schließlich trat die Aurate aus dem Feuerschein zurück in die Dunkelheit.
Nun näherte sich die andere Frau, die Holzfuß für sich die „Blaue Dame“ nannte. Der luftige Stoff ihres Kleides flackerte rot, beleuchtet von dem großen Feuer, und schien selbst wie züngelnde Flammen um ihren Körper zu lodern. Er beobachtete mit angehaltenem Atem, wie sie sich dem Scheiterhaufen näherte und dann – trat sie mitten in das Feuer hinein, direkt auf die Schale mit dem dampfenden Wasser.
Holzfuß wollte aufschreien, aber nicht einmal jetzt gehorchte ihm seine Stimme. Er erwartete, dass sich das zarte Gewebe ihres Kleides sofort entzünden würde, doch nichts dergleichen geschah. Es musste eine Sinnestäuschung sein. Offenbar stand sie nicht in den Flammen, sondern dahinter, umspielt von den stiebenden Funken.
Und dann veränderte sich das Feuer auf unheimliche Weise. Die Flammen formten Gestalten: Menschen und Tiere zuerst, dann Mischwesen: Frauen mit Fischschwänzen, Vögel mit hässlichen Menschenköpfen, monströses und berückendes. In wildem Reigen bildeten sich die Figuren, lösten sich als Rauch von den Flammen und zerstoben im Abendwind – wie eine Geschichte, die lebt, solange sie erzählt wird, und sich auflöst, wenn der Erzähler verstummt. Sie kamen und gingen in so rascher Folge, dass das Auge ihnen kaum folgen konnte, das Knistern des Feuers bildete ihre Rufe nach und die Bewegung der Flammen ihren Tanz.
Holzfuß starrte mit offenem Mund. Es war Zauberei, was er hier sah, wunderbar und erschreckend zugleich. Es machte ihm Angst, doch zugleich zog es ihn an, wollte er mehr sehen, mehr erfahren von dem Wunder, das diese Bilder ausgelöst hatte. Doch es dauerte nur wenige Augenblicke, dann trat die Blaue Dame zurück in die Dunkelheit und die Flammen waren nichts weiter als gezackte Feuerzungen, die über das Holz leckten.
„Hast du das gesehen?!“ Holzfuß beobachtete, wie Angrid sich aufgeregt an Tara wandte. Die junge Jägerin schüttelte den Kopf.
„Was denn?“
„Ich weiß auch nicht genau – Gestalten! Fremde Wesen wie aus den alten Geschichten! Meerfrauen und Pferdemänner! Zauberwesen und Ungeheuer! Hast du das nicht gesehen?“ Sie zitterte vor Aufregung.
„Ich weiß nicht.“ Sie wiegte unentschieden den Kopf hin und her. „Was haben sie denn getan?“
„Nichts. Sie waren plötzlich da, im Feuer, und dann waren sie wieder verschwunden.“
„Ja“, sagte Tara nachdenklich. „Fabelwesen. So etwas in der Art habe ich auch gesehen.“
Gar nichts hast du gesehen, dachte Holzfuß grimmig. Nicht das Geringste. Aber spätestens, wenn du der Aurate von den Fabelwesen erzählst, wirst du selbst glauben, sie gesehen zu haben.
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Die Reihe der Wartenden war nicht lang und nach Katenas forschenden Fragen blieben nur noch drei Kandidaten übrig. Dennoch ging es auf Mitternacht zu, als der letzte sie endlich verließ. Sie rollte die Grasmatte nach oben, welche den Durchgang zu ihrer Wohnnische verhängte, und befestigte sie mit den dafür vorgesehenen Schlaufen. Vom Herdfeuer, das in der Mitte des Langhauses glühte, fiel ein schwacher Lichtschein herein. Die Hüterin des Feuers nickte ihr grüßend zu. Katena erwiderte den Gruß und drehte sich dann um, setzte sich auf ihr Lager und schaute nachdenklich nach draußen. Aus manchen der verhängten Wohnnischen drang gemütliches Schnarchen, aber in anderen schimmerte noch das Licht einer Öllampe und konnte man leise Gespräche erahnen. Katena wusste, dass es in den meisten davon um sie ging.
„Was meinst du, Soliela? Kann es wirklich einer von diesen Dreien sein?“
Die Antwort ihrer Begleiterin schwebte zart wie ein Hauch zu ihr herüber.
„Sie haben gesehen.“
„Ja, aber haben sie genug gesehen? Wie stark ist ihre Verbindung zur Anderwelt? Ist sie wirklich stärker als bei anderen Sterblichen, welche die Gabe besitzen?“
Sie war sich so sicher gewesen. Die Kahlen Berge, der Weg, der ihr so vertraut erschien, als wäre sie ihn schon in unzähligen Träumen entlang geschritten, das Dorf mit den drei Langhäusern, die genau so angeordnet waren, wie die Knöchelchen bei dem letzten Wurf des Orakels. Doch jetzt fühlte sie sich unsicher.
„Man kann es durch Übung verstärken, wie du es getan hast“, sagte Soliela. „Wir wussten, dass wir den Auserwählten unterrichten müssen, bevor er seine Taten vollbringen kann. Die Menschen sind so weit weg von den ewigen Dingen.“
Katena seufzte auf. Natürlich. Was hatte sie erwartet? Ein plötzliches Zeichen? Eine Gloriole, die um einen der Dörfler aufscheinen würde? Sie sollte vernünftig bleiben.
„Wenn ich mich entscheiden müsste“, sagte sie, „würde ich auf die Kräuterschülerin setzen. Sie scheint Einsicht zu besitzen.“
„Und doch wissen wir nicht, welche Eigenschaften der Eine noch benötigt. Wohlmöglich ist es die junge Jägerin.“
Katena lachte leise.
„Sie gefällt dir in ihrer Aufsässigkeit.“
„Außerordentlich. Ihre Gefühle sind stark und wild.“
Das Licht des Feuers aus dem Hauptgang wurde für einen Moment verdunkelt, als sich der Dorfälteste durch die Tür bückte. Katena erhob sich rasch, als sie den alten Mann erkannte. Sie ahnte, was ihn wach gehalten hatte.
„Aurate“, wandte er sich mit einer Verneigung an sie. „Mein Enkel hat mir berichtet, er sei einer von den Dreien, die du auserwählt hast, die zweite Prüfung anzugehen.“
„Das ist richtig.“ Katena neigte bestätigend den Kopf. „Dein Enkel Bordon, hat gesehen. Morgen Nacht werden wir feststellen, ob er auch hören kann.“
„Versteh mich nicht falsch“, bat Bolbon. „Es macht mich stolz. Aber es macht mir auch Angst.“
Katena konnte das verstehen. Wen immer sie mitnehmen würde – die geplante Sicherheit seines Lebens würde sich auflösen wie Rauch im Wind, würde verschluckt werden von einer ungewissen, fremdartigen Zukunft.
„Noch ist nichts entschieden“, sagte sie beruhigend.
Der Alte nickte, aber er wirkte trotzdem unglücklich. Dann schien er sich einen Ruck zu geben.
„Ich habe dir einen Diener gebracht. Komm herein, Holzfuß!“
Katena erkannte den jungen Mann, der das Holz für das Feuer aufgeschichtet hatte. Obwohl die Nachtluft inzwischen empfindlich kühl war, trug er noch immer nichts weiter als die fadenscheinige Hose, die ihm bis knapp über die Knie reichte, und aus der rechts ein gesundes Bein ragte und links die lederne Verschnürung des hölzernen Ersatzes.
„Er ist stumm“, erklärte Bolbon, „und ein Krüppel. Aber er kann dir zur Hand gehen.“
„Das ist nicht nötig“, wehrte Katena ab. Ein Diener, der sie auf Schritt und Tritt begleitete, würde sie eher einengen als erfreuen.
Doch Bolbon bestand darauf und Katena konnte sich dem Zwang der Wohltat nicht entziehen. Das Angebot war eine Geste der Wertschätzung, und diese nicht anzunehmen hätte den Ältesten und mit ihm das gesamte Dorf beleidigt. Außerdem bedeutete es eine offizielle Anerkennung. Niemand würde sie nun mehr als Drude bezeichnen.
Nicht, dass sie das besonders gestört hätte. Die Menschen würden immer fürchten, was sie nicht verstanden, und abfällig behandeln, was sie fürchteten. Doch nur das Vertrauen der Bergbewohner konnte ihr helfen zu finden, was sie suchte.
Also bedankte sie sich höflich und Bolbon war zufrieden.
„Ich habe außerdem entschieden, dass er denjenigen als Diener begleiten wird, den du auswählst.“
Etwas an der Formulierung verwunderte Katena
„Ist er denn dein Sklave?“, fragte sie. Bisher kannte sie echte Leibeigenschaft nur aus den Stadtstaaten, nicht aus den armen Dörfern, in denen ohnehin alle in gegenseitiger Abhängigkeit zusammenlebten.
„Er gehört dem Dorf. Ich bin der Dorfälteste, ich kann über ihn entscheiden.“
Katena betrachtete den jungen Mann, der sich mit gesenktem Kopf und gerundeten Schultern unter einen niedrigen Balken duckte. Ein Gemeinschaftssklave, elternlos, dazu stumm und behindert. Sie konnte sich vorstellen, welches Leben er hier führen musste. Vielleicht bedeuteten die weißen Häuser von Solém für ihn die Chance auf ein besseres Leben – so, wie es ihr selbst ergangen war. Sie nickte.
„Ich danke dir, Bolbon.“ Und an den jungen Mann: „Ich brauche dich heute Abend nicht. Komm morgen früh, wenn die Sonne erwacht.“
Er nickte ohne aufzublicken und zog sich zurück. Vielleicht, dachte Katena, würde er in seiner unaufdringlichen Art gar keinen schlechten Diener abgeben.
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Willkommen in Esthers Welt
