Der Schwarzgardist - Band I - Leseprobe
Kapitel 1 - Mörder
Den ganzen Tag über hatten Wolken das Tal vor dem Pass gefüllt. Hin und wieder waren vereinzelte Tropfen gefallen, doch die Drohung eines Gewitters lag noch immer unerfüllt in der Luft.
Trotz der frühen Abendstunde war die Dunkelheit schon zwischen die Häuser der kleinen Ortschaft gekrochen, die sich unter die Felswände duckte. Die Wolkendecke würgte das ohnehin schwache Licht der Abendsonne gänzlich ab. Von Zeit zu Zeit leuchtete es in der dunklen Masse auf und Donner grollten von ferne.
Auf der verlassenen Dorfstraße trieben die Windböen Blätter und Unrat vor einem einzelnen Reiter her, zerrten an dem Mantel, der ihn und das Pferd bedeckte, fauchten ihn aus dunklen Seitengassen böse an.
Die Kleidung des Mannes war schwarz. Von den Stiefeln über Hose und Mantel bis hin zu den Handschuhen war jedes Stück von dem gleichen, finsteren Farbton, ebenso, wie das Pferd und die Scheide des Schwertes, das hinter seinem Rücken hervorragte. Sogar seine Haare waren schwarz und dazu so kurz geschnitten, wie es eigentlich nur bei den Soldaten üblich war - oder bei der Schwarzen Garde, den gefürchtetsten Schergen des Kaisers.
In langsamem Schritt bewegte sich der Reiter die Straße entlang. Das bedrohliche Heulen des Sturmes begleitete ihn wie das Wimmern verlorener Seelen. Zusammengesunken, den Kopf gegen den schneidenden Wind gesenkt, schien er seine Umgebung kaum wahrzunehmen, doch dieser Eindruck täuschte: Unvermittelt zügelte er sein Pferd, verharrte kurz und lenkte es dann in eine Gasse. Er hielt vor einem schmalen Häuschen, über dessen Eingang der Sturm ein hölzernes Schild klappernd und quietschend in den Angeln hin und her warf. Eine schwarz behandschuhte Hand griff nach dem Holz. In der Dunkelheit war das verwitterte Zeichen der Hebammen kaum zu erkennen, aber dem Mann schien das spärliche Licht, das durch die Ritzen der Fensterläden drang, zu genügen. Er wendete das Pferd, und das Schild nahm seinen unruhigen Tanz wieder auf, während die ersten, taumelnden Tropfen fielen.
Der Reiter lenkte sein Tier zurück auf die Dorfstraße und fand das einzige Gasthaus am Ort. Einen Moment lang musterte er reglos das zweigeschossige, aus Holzbalken und Lehm errichtete Gebäude, während der stärker werdende Regen ihm ins Gesicht sprühte. Aus dem Schankraum drang gedämpftes Stimmengemurmel. Einige der Fenster im Obergeschoss waren schwach beleuchtet. Tok-Almat war nur ein Bergdorf, doch lag es an einer viel genutzten Passstraße über die südlichen Arinnen, so dass es nicht verwunderlich war, dass das Gasthaus gut belegt war.
Auf eine unmerkliche Regung des Reiters hin setzte sich das Pferd wieder in Bewegung, und obwohl die Dunkelheit bald so dicht sein würde, dass sie das Reisen unmöglich machen würde, lenkte der Reiter das Tier an der Schenke vorbei in eine andere der dunklen Gassen hinein.
Bald grollte das Gewitter durch das Tal und das Echo brach sich ohrenbetäubend an den steilen Felswänden. Der Regen wurde dichter, schwere Tropfen prasselten auf das Gestein und schnell schwemmten kleine Sturzbäche die karge Erde davon.
In dem schmalen Haus der Hebamme brannte rußend eine Öllampe, in deren Schein die Hebamme behutsam den prallen Bauch einer jungen Frau betastete. Ihre dürren, faltigen Hände glitten fachkundig über die Rundung und erfühlten die darunter liegenden Formen. Im Hintergrund wartete ein Mann, scheinbar gelassen an die Wand gelehnt, aber seine Augen, in denen sich die Flammen der Lampe spiegelten, verrieten Sorge und Unruhe. Schließlich nickte die Alte.
„Das Kind hat sich doch noch gedreht. Es kann jetzt nur noch ein paar Tage dauern.” Ihre Stimme hatte das dünne Zittern des Alters, aber ihre Hände waren sicher und ihr faltiges Lächeln vertrauenerweckend und beruhigend.
„Keine Angst, mein Kind. Es ist alles genau so, wie es sein sollte. Ihr werdet das alles ohne Mühe hinbekommen.”
Die blasse, junge Frau erwiderte das Lächeln zaghaft. Nach den Traditionen war sie mit ihren knapp siebzehn Jahren nicht zu jung für ein Kind, aber da es ihr erstes war, wurde sie von entsprechender Nervosität gequält.
„Ich danke Euch, dass Ihr uns helft”, ließ sich der Mann vernehmen. Als er in den Lichtschein der Öllampe trat, konnte die Alte die Anspannung in seinem Gesicht erkennen. „Nicht viele würden das für uns tun.”
„Ein Kind ist ein Kind”, erwiderte die Hebamme und zuckte gleichmütig die Achseln, „und ich bin da, um ihm auf diese Welt zu helfen. Ob es nun ein Fenier ist, interessiert mich nicht.”
„Ihr seid eine gute Frau.” Die werdende Mutter drückte dankbar die knochigen Hände der Alten.
„Naula, wir müssen gehen!” Der Mann legte der Schwangeren eine Hand auf die Schulter. Sie nickte und erhob sich, mühsam den Bauch voranschiebend, aus dem Lehnstuhl während er schon einen Mantel bereit hielt, um ihn ihr über die Schultern zu legen. Draußen grollte der Donner und der Regen klatschte gegen die Fensterläden. Die Alte sah ihn zweifelnd an.
„Vielleicht solltet ihr warten, bis sich das Gewitter etwas verzogen hat”, murmelte sie, aber der Mann schüttelte den Kopf.
„Die Dunkelheit schützt uns, und ich will so bald wie möglich wieder bei meinen Leuten sein. Hier, das ist für eure Mühe.” Er reichte ihr einige Münzen. „Falls alles glatt läuft, werden wir nicht wieder kommen, aber falls es Komplikationen geben sollte ...”
Die Hebamme nickte und nahm das Geld.
„Ihr könnt mich jederzeit holen lassen”, bestätigte sie seine unausgesprochene Frage.
Der Mann entzündete eine Sturmlaterne und legte dann den Arm um seine Frau, während die Alte die Türe öffnete. Ängstlich drückte Naula sich an ihn, als ein erneuter Donner in dem Tal zu explodieren schien. Der Hall grollte blechern die Felswände entlang, als zöge der Donnergott seine eiserne Rute über das Gestein, wie ein spielendes Kind, das mit seinem Stock über die Stangen eines Zaunes klappert.
„Hab’ keine Angst, Naula”, flüsterte er beruhigend und führte sie über die Türschwelle. Der Regen prasselte auf sie hernieder und die junge Frau zog fröstelnd die Schultern hoch.
„Merkat Na Tesso!”
Schneidend klang die Stimme durch den Sturm zu ihnen herüber. Der Mann erstarrte. Langsam drehte er sich um und blinzelte in die Richtung, aus der der Ruf erschollen war. Die schwarze Gestalt war in der Dunkelheit kaum auszumachen, zudem floss ihm noch das Regenwasser in die Augen, aber Merkat wusste auch so, was dort stand.
„Geh ins Haus, Naula!”, befahl er dumpf, aber sie starrte reglos, mit geweiteten Augen auf den Fremden. Ein Blitz erhellte die Straße für einen Augenblick taghell, und in seinem Schein konnte sie den Mann erkennen: die tiefschwarze Uniform, den schwarzen Mantel, an dem der Wind zerrte, den gestreckten Arm mit der kleinen, tödlichen Waffe am Handrücken, die auf sie beide gerichtet war.
„Kesh-Assar!”, flüsterte sie tonlos. „Ein schwarzer Bluthund!”
„Geh’ ins Haus” wiederholte ihr Mann drängend ohne den Blick von der düsteren Drohung zu nehmen, und versuchte, sie zur Tür zu schieben. Aber die Tür war geschlossen. Er hatte das gerade wahrgenommen, als ein brennender Schmerz seine Brust zerfetzte. Naula sah, wie er zusammensackte und schrie auf.
„Merkat!”
Sie warf sich verzweifelt über ihn.
„Geh, Naula!”, stöhnte er. Die Lampe war zu Boden gefallen, aber sie brannte noch, und in ihrem flackernden Licht konnte Naula sehen, wie sich ein Blutfleck auf dem Hemd ihres Mannes ausbreitete und rasch immer größer wurde.
„Er will ... nur mich! Rette ... unser Kind!”
„Merkat!”, wiederholte sie verzweifelt. Dann hörte sie Schritte und drehte sich halb um.
Das erste, was sie in dem Lichtschein sah, waren die schwarzen Stiefel des Gardisten, und dann die Waffe, die noch immer auf sie beide gerichtet war. Die schmalen, metallenen Flügel einer winzigen Armbrust reflektierten das Licht der Lampe.
„Geh’ zur Seite!”, forderte der Soldat sie stoisch auf.
„Bitte! Tut ihm nichts!”, flehte sie.
Der Schwarzgewandete stand reglos da. Der Regen lief ihm über das Gesicht, der nasse Mantel klatschte gegen seine Beine.
„Ich habe keinen Befehl dich oder dein Kind zu töten”, sagte er eisig. „Also geh, so lange du noch kannst.”
„Geh, Naula!”, stöhnte auch Merkat unter ihr, den sie mit ihrem Körper schirmte.
„Ihr dürft ihm nichts tun!”, wimmerte sie verzweifelt.
Der Schwarze trat zu. Sein Stiefel traf die Seite der Frau und der Instinkt, das ungeborene Leben zu schützen, krümmte sie zusammen. Das genügte ihm. Mit einem hässlichen, knirschenden Geräusch fetzte ein Bolzen in das freigegebene Gesicht des Liegenden und beendete das schwindende Leben.
„Nein!” Naulas Schrei hallte durch die Gasse und vermischte sich mit dem heulenden Wind. „Nein, nein!”, schrie sie wieder und wieder, rüttelte an den leblosen Schultern, als könnten Worte den Geliebten zurückholen. Dann sah sie dem Schwarzen nach, der sich wortlos umgedreht hatte und durch den Matsch der Straße zu seinem Pferd stapfte.
„Mörder!”, schrie sie ihm nach, „Verfluchter Mörder...!”
Wenig später lenkte der Reiter sein Pferd klappernd in den gepflasterten Hof der Schänke. Der Mann saß ab und legte die Zügel lose über einen Fensterriegel neben dem Eingang. Das Tier blieb mit hängendem Kopf stehen, den Rücken gegen den Regen gekrümmt, während der Mensch den Schankraum betrat.
Es dauerte nur einen kurzen Moment, bis alle Augenpaare auf den dunklen Fremden gerichtet waren, der in der geöffneten Tür stand und seinen Blick forschend durch den Raum gleiten ließ. Die Gespräche verstummten.
Der Ankömmling schien an diese Art von Aufmerksamkeit gewöhnt. Ohne ein Zeichen von Unruhe oder Erstaunen ging er auf den Tresen zu und schlug den wallenden Mantel zurück. Im flackernden Licht der Öllampen konnte man die Bolzenschleuder erkennen: die Waffe der Garde, die an seinem rechten Handgelenk befestigt war. Sie war gefertigt wie eine kleine Armbrust, konnte jedoch mit nur einer Hand bedient werden. Im Moment waren ihre Flügel zusammengelegt, doch es stand außer Zweifel, dass der Schwarzgewandete sie jederzeit blitzschnell spannen und mit tödlicher Präzision abfeuern konnte.
Der Schankwirt war sichtlich verunsichert, als der Mann auf ihn zutrat.
„Ein Zimmer nach Osten”, sagte dieser, während er die Handschuhe auszog und seinen Blick durch den Raum schweifen ließ. „Für eine Nacht.”
Der dickliche Wirt suchte das Gesicht seiner Frau, die zwischen den Schanktischen stand, wo sie serviert hatte. Dann stotterte er: „Wir ... wir sind vollständig belegt.”
Er verstummte, als sich der Kopf des ungebetenen Gastes zu ihm hin drehte und sich durchdringende, graue Augen auf ihn hefteten.
„Ein Zimmer nach Osten”, wiederholte der Mann langsam und mit Nachdruck, als habe er einen begriffsstutzigen Menschen vor sich. „Für eine Nacht.”
Der Wirt starrte ihn kurz an und beeilte sich dann, energisch zu nicken, was sein schwammiges Kinn bis hinunter auf die Brust in Wallungen brachte.
„Nach Osten”, murmelte er, „für eine Nacht ... Natürlich. Vielleicht ... möchtet ihr zuvor etwas zu euch nehmen?”
Der Schwarzgewandete nickte. Es musste ihm klar sein, dass der Wirt etwas Zeit brauchen würde, um einen oder mehrere Gäste umzuquartieren.
„Brot, Wurst, Käse, Salat, Wasser”, zählte er auf. „Und kümmert euch um mein Pferd!” Dann ging er auf einen Ecktisch zu, von dem aus der Schankraum insgesamt gut zu überblicken war. Die drei Männer, die dort bereits gesessen hatten, erhoben sich hastig, um ihm Platz zu machen.
Die Wirtin eilte, um das Verlangte zu holen. Im Vorbeigehen raunte sie ihrem Mann zu:
„Bist du von Sinnen? Einem Schwarzgardisten zu widersprechen?!” Sie schüttelte mit bedeutsamem Blick den Kopf und verschwand in der Küche.
* * *
„Aber woher kann er es verdammt noch mal gewusst haben?!” Eine unbeherrschte Faust landete auf der Tischplatte und der Knall erschreckte Naula, die zusammengesunken zwischen erregt durcheinander redenden Männern saß.
„Die Hebamme!”, sagte einer, „Die wird uns verraten haben!”
Naula schüttelte den Kopf.
„Das kann ich nicht glauben!”, wiedersprach sie und hob die rotgeweinten Augen. „Das glaube ich einfach nicht!”
„Woher hätte er es sonst wissen sollen!?”, argumentierte der andere.
„Das würde ich ihr niemals zutrauen!”
„Warum hat sie dann die Türe verschlossen, als ihr den Schutz brauchtet?!”
„Niemand legt sich gerne mit einem Kesh-Assar an, Tareg. Das muss nicht heißen, dass sie ihn gerufen hat”, sagte ein anderer Mann ruhig. In seiner Stimme lag eine natürliche Autorität, die die anderen verstummen ließ. Alle Augen wandten sich dem Sprecher zu.
„In Ordnung, Viccon, aber wer war es dann?” Tareg hatte schon immer weniger Respekt vor ihrem Anführer gezeigt, als die anderen. Mit vor der Brust verschränkten Armen betrachtete er sein Gegenüber herausfordernd, aber auch er wusste, dass Viccon niemals sprach, ohne genau nachgedacht zu haben.
Viccon saß auf einem grob gezimmerten Stuhl und blickte nachdenklich in die Runde. Erwartungsvoll betrachteten ihn die Männer mit den scharf geschnittenen Gesichtern und den schwarzen Haaren. Auch Viccons Gestalt wies diese auffallendsten Merkmale der fenschen Physiologie auf, dazu die hellen Augen, die, wie es hieß, die edelsten seines Volkes auszeichneten.
„Ich glaube nicht, dass es die Hebamme war”, sagte er schließlich langsam. „Erstens wusste sie gar nicht, dass Merkat und Naula heute kommen würden, und zweitens hätte der Bluthund ihnen dann bequem im Hause auflauern und Merkat dort töten können, statt im Regen auf ihn zu warten.”
„Aber wer war es dann?”, drängte Tareg weiter.
„Das, mein Lieber, müssen wir herausfinden”, erklärte Viccon dumpf, „und ich denke nicht, dass wir bis ins Dorf hinunter gehen müssen, um den Mistkerl zu finden.”
„Du meinst ...”, der Frager ließ eine erschrockene Pause entstehen, „... es war einer von uns?!”
Viccon nickte und blickte wieder in die Runde.
„Und falls er jetzt hier ist, soll er gewarnt sein. Ich werde den Tod meines Bruders rächen. Ich werde den Verräter finden und seine Seele wird verdammt sein und für alle Ewigkeit in den Tiefen der Feol schmoren!”
Er stand auf.
„Tareg und Hokar, ihr werdet den Leichnam holen. Jetzt sofort. Aber passt auf, dass der Kesh-Assar euch nicht folgt. Ihr anderen: verstärkt die Wachen zum Tal und fangt an zu packen. Wir sind hier nicht mehr sicher.” Die Männer nickten und verließen den Raum. Als alle bis auf Naula gegangen waren, stützte Viccon sich schwer auf den Tisch und blickte seine Schwägerin besorgt an.
„Ich glaube nicht, dass ich in der Lage bin, weit zu reisen”, vermutete sie langsam und strich sich über den prallen Bauch. Er erwiderte eine Weile nichts. Dann nickte er.
„Das musst du entscheiden, Naula. Aber ich kann hier nicht bleiben. Ich darf die Leute nicht in Gefahr bringen. Du weißt, dass die Garde ihre Hunde auf Merkat und auf mich angesetzt hat. Mag sein, wenn ich nicht mehr hier bin, bist du vielleicht sicher. Der Bluthund hätte heute Nacht die Chance gehabt, dich zu töten, wenn er das gewollt hätte.” Er schüttelte langsam den Kopf und ließ sich wieder auf den Stuhl nieder.
„Ich werde dir Tareg und Belwat zurücklassen, bis du in der Lage bist, nachzukommen. Wenn der Kesh-Assar so präzise arbeitet, wie man es von ihnen gewohnt ist, dann wird er euch nichts tun. Außer vielleicht ...” er stockte.
„Er wird uns verhören, um heraus zu bekommen, wo ihr hingegangen seid”, vollendete sie seine Gedanken. Er blickte sie von unten herauf an und nickte dann.
„Das befürchte ich”, bestätigte er.
* * *
Die Irmanerie von As-Telesgar war, wie alle Irmanerien des Reiches, ein beeindruckendes Gebäude: groß, grau, von der schmucklosen Effizienz einer Kaserne, bedrohlich fast, zumindest aber einschüchternd.
Nicht minder einschüchternd war Walnokavon, der Diensthabende Irmane. Massig wie ein Ackergaul mit groben, rohen Zügen wirkte er selbst in der rot-weißen Sutane der kaiserlichen Richter wie ein Bauer – ein mächtiger Bauer allerdings, der nicht viel Sinn darin sah, seinen Zorn zu zügeln, wenn er einmal in ihm loderte. Die Unsicherheit im Blick des Boten in der blauen Uniform der Stadtwache zeigte, dass dieser durchaus davon wusste. Seine Furcht war selbst in der abendlichen Düsternis des Arbeitszimmers deutlich zu erkennen
„Wie sieht es aus?“
„Die aufständischen Fenier haben sich aus Siliath zurückgezogen, wir wissen nicht, wohin.“
Der Irmane machte eine verächtliche Handbewegung.
„Fenier!“, schnaubte er. „Was interessieren mich die Fenier! Was ist mit dem Jungen?“
„Wir ...“, der Soldat sah verlegen zu Boden. “Wir haben seine Spur verloren.“
„Was?“, brüllte Walnokavon aufspringend und der Soldat zuckte zusammen. „Ihr hattet einen Auftrag!“
„Der Hauptmann hat alles versucht, Ehrwürdiger!“, beeilte sich der Soldat zu versichern, „aber als die Pogrome gegen die Fenier begannen, da ... die Stadt war in Aufruhr. Und als die Fenier dann begannen, sich zu verteidigen ...“
„Erspart mir eure Ausreden, Soldat!“
Es klopfte und der Kopf des Irmanen zuckte hoch.
„Ja?“
Die Tür öffnete sich und die Gestalt, die Eintrat, schien mit der Düsternis im Raum zu verschmelzen. Im Blick des Soldaten flackerte es erneut, als er zu dem Schwarzgardisten hinüber blickte und dann die Augen senkte. Der Irmane hingegen schien erfreut, den Mann zu sehen.
„Ah, gut, dass Ihr hier seid. Ich hoffe, Ihr bringt bessere Kunde.“
„Ich fürchte nein, Ehrwürden“, der Gardist verneigte sich knapp und die Flamme der Öllampe ließ sein Haar in einem rötlichen Braun aufschimmern. „Die Spur des Kindes verliert sich in den Wirren der Kämpfe.“
„Du meinst, es ist tot?“
„Das wage ich zu bezweifeln, Ehrwürden. Soam ist in Siliath.“
„Soam?“ Langsam ließ Walnokavon sich zurück in seinen Sessel sinken und biss die Zähne aufeinander. „Es hätte mir klar sein müssen, dass der verdammte Zwerg seine Hände da im Spiel hat.“
„Er ist mit zwei Gardisten hier, angeblich, um die Anführer der Fenier zu eliminieren.“
Walnokavon stöhnte knurrend auf.
„Offenbar hat er es erneut verstanden, dem Senat einzureden, dass ich selbst nicht in der Lage bin, diese Situation zu meistern, nicht wahr?“
„Um ehrlich zu sein, Ehrwürden, ich habe einen anderen Verdacht.“
„Ja?“
Bevor der Gardist antwortete warf er einen kurzen Seitenblick auf den Soldaten der Stadtwache und Walnokavon verstand den Wink.
„Ihr könnt gehen“, nickte er. Der Soldat salutierte und verließ den Raum mit deutlicher Erleichterung. Als sich die Tür geschlossen hatte, wies Walnokavon auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.
„Setzt dich.“ Jetzt, da sie unter sich waren, wechselte der Irmane zu der vertrauteren Anrede über. Mit brennenden Augen musterte er den Soldaten, der ihm gegenüber saß.
„Du bist der beste meiner Zöglinge, Felton, und du hast mich bisher noch nie enttäuscht. Was ist passiert?“
Der Gardist betrachtete den Mann, der ihm gegenüber saß, mit ausdrucksloser Miene, in der sich nicht einmal Freude über das empfangene Lob widerspiegelte.
„Patron“, begann er bedächtig. „Ich habe Grund zu der Annahme, dass Soam schon vor dem Aufstand, ja sogar schon vor den Pogromen in Siliath war.“
Walnokavon zog die Augenbrauen zusammen. Dann lehnte er sich zurück und nickte bedächtig.
„Also hat er es auch auf den Jungen abgesehen.“
„Möglich.“
„Dann hat ihm dieser Aufstand genauso einen Strich durch die Rechnung gemacht, wie uns.“ Leise Befriedigung schwang in Walnokavons Stimme mit.
„Vielleicht“, sagte Felton zweifelnd. „Aber wenn er schneller war, als wir, kamen ihm die Kämpfe geradezu gelegen. Hat er das Kind vor uns gefunden, konnte er es in den Wirren gut verschwinden lassen.“
„Du meinst“ Walnokavons Augen wurden groß, „Er hat die Aufstände selbst geschürt?“
„Vielleicht“, entgegnete der andere. „Das hier habe ich aus der Hand eines Toten Feniers gewunden.“ Er legte einen Gegenstand auf den Tisch, den Walnokavon als den abgebrochenen Griff eines Schwertes erkannte. Der Irmane griff danach und betrachtete ihn nachdenklich im schwachen Licht der Öllampen.
„Das ist von einem Armeeschwert, nicht wahr?“
Felton nickte.
„Richtig, Patron.“
„Das kann Zufall sein.“
„Das könnte es, Patron. Aber um ehrlich zu sein ...“
„Ja?“
„Die zeitliche Übereinstimmung zwischen Soams Ankunft und dem Beginn der Pogrome scheint mir nicht zufällig.“
Walnokavon legte den Schwertgriff auf den Tisch zurück und erhob sich, trat an das schmale Fenster seines Arbeitszimmers und blickte hinaus. Es dauerte eine ganze Weile, bis er sagte: „Du meinst also, er hat sich den Jungen geschnappt, dann die Bevölkerung gegen die Fenier aufgewiegelt und schließlich die Fenier mit Waffen versorgt, um ein solches Chaos anzurichten, dass wir die Spur verlieren.“
Jetzt erst drehte er sich zu dem Soldaten um.
„Du traust ihm eine ganze Menge zu.“
Felton neigte leicht den Kopf.
„Er ist nicht nur mit zwei Gardisten gekommen. Ich habe auch zwei Flicken gesehen, die zu seinen Zöglingen gehört haben.“
Walnokavon setzte sich wieder.
„Der verdammte Hund“, knurrte er. „Und zu allem Überfluss lässt er die aufständischen Fenier jetzt durch seine eigenen Leute jagen, um den Eindruck meiner Unfähigkeit beim Senat zu verstärken.“
„Er ist ein gewiefter Taktiker.“
Walnokavon warf dem Mann einen flammenden Blick zu, was diesen aber nicht zu beeindrucken schien. Schließlich rang sich der Irmane zu einer Entscheidung durch.
„Geh zurück nach Siliath. Lasse mir Nachricht über alles zukommen, was du herausfindest. Solltest du Beweise für deine Vermutungen finden, stelle sie sicher.“
Felton nickte und erhob sich.
„Soll ich auch weiter nach dem Jungen suchen?“
„Wenn du eine Spur findest, geh ihr nach, aber ich bezweifle, dass er noch in der Gegend ist.“
„Ich sehe, was ich tun kann.“
* * *
Das Gewitter war abgeklungen und die Nacht hing still in den nassen Gassen des Bergdorfes. Nachdem der Gardist gegessen hatte, verließ er die Schänke noch einmal und kehrte erst so spät in der Nacht zurück, dass er den Wirt aus seinem Bett klopfen musste, damit der ihn einlassen konnte. Der feiste Mann war mürrisch und verschlafen, aber er hütete sich, die Selbstverständlichkeit zu kritisieren, mit der der Schwarzgardist die Erfüllung seiner Wünsche erwartete. Die Schwarze Garde, die die Irmanen speziell zum Schutze des Kaisers geschaffen hatten, war mit allen erdenklichen Rechten ausgestattet. Er war besser, zu tun, was verlangt wurde, und zu hoffen, dass der leidige Gast die Gegend bald wieder verlassen würde.
Am nächsten Morgen war der Gardist bereits so früh wieder auf den Beinen, dass der Wirt das Gefühl hatte, nicht geschlafen zu haben. Der Soldat verlangte Wurst und Brot zur Wegzehrung und sattelte sein Pferd, während der Wirt und seine Frau noch im Schlafgewand in der Küche hantierten. Sie waren gerade fertig geworden, als der Gardist wieder eintrat und einen Stoß der feuchten, kalten Morgenluft von draußen mit hereinbrachte. Einige der Gäste, deren Geldbeutel nicht für ein eigenes Zimmer gereicht hatte, und die im Schankraum auf den Bänken schliefen, brummten unwillig und wickelten sich fester in ihre Mäntel.
Wortlos trat der Schwarze an den Tresen und griff nach dem Leinensack mit dem Proviant und der Wasserflasche. Dann legte er ein versiegeltes Schreiben auf die vom Gebrauch blankpolierte Holzplatte und sagte befehlend:
„Sorgt dafür, dass dieser Brief in fünf Tagen die Irmanerie in As-Telesgar erreicht hat. Und diesen hier“, er legte ein weiteres Schreiben auf den Tresen, „übergebt ihr ungeöffnet dem Irmanen Soam oder seinem Vertreter, wenn er hier erscheint.” Er wartete keine Antwort ab, sondern wandte sich zum Gehen.
Der Wirt blickte dem Mann unschlüssig nach. In seinem Gesicht zeigte sich ein Kampf widerstreitender Gefühle, aber noch blieb er stumm. Erst, als der Gast die Tür schon fast erreicht hatte, fasste er sich ein Herz und sagte:
„Die ... die Übernachtung kostet einen halben Taler.”
Die Wirtin legte ihrem Mann erschrocken die Hand auf den Arm und verfluchte innerlich seinen Dickschädel.
Sie sahen, wie der Schwarzgardist stehen blieb. Das schwarze Leder seiner Uniform knarrte mit seinen Atemzügen. Langsam wandte er den Kopf, bis seine stahlgrauen Augen den Wirt fixierten.
Die Lider des feisten Mannes flackerten nervös, während er vergeblich versuchte, diesem Blick stand zu halten. Schließlich gab er es auf und senkte die Augen
„Normalerweise ...” fügte er unsicher an.
Die Stimme des Gardisten war kalt.
„Zieht es von dem ab, was ihr eurem Kaiser schuldig seid!”
Damit ging er. Aber erst als die Wirtsleute ihn vom Hof traben hörten, wagten sie, wieder zu atmen.
* * *
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