Der Schwarzgardist - Band II - Leseprobe

 

 

 

Kapitel 1 - Eskorte der Herzogin

 

„Und deshalb lässt du mich durch das halbe Reich reisen?“

Der Schwarzgardist Saik saß in einem der Amtszimmer der Hauptirmanerie, dem Sitz der königlichen Richter, und empörte sich kopfschüttelnd. „Ich habe sieben Tage gebraucht, um von As-Getaran hier her zu kommen, und das auch nur, weil ich fast zwei Pferde zu Schanden geritten habe. Und das alles, um jemanden nach Anjoilí zu eskortieren, was jeder andere Gardist genauso gut hätte erledigen können?“

„Es wurde ausdrücklich nach dir verlangt.“ Über seinen aufgeräumten Schreibtisch hinweg, hinter dem der kleine Irmane fast verschwand, musterte Soam Ge Nessron seinen Zögling mit strengem Blick. „Und sie war sehr bestimmt in ihrer Forderung“, fügte der Richter an.

„Sie?“ Der Gardist horchte auf.

„Ich sehe, du ahnst, um wen es sich handelt.“ Der Irmane erhob sich und trat an das Fenster, von dem aus er einen beeindruckenden Blick über die Hauptstadt des dronnschen Reiches hatte, die sich zu Füßen des Irmanenberges die Ebene entlang bis zum Meer hin erstreckte. Ein wirres Zusammenspiel roter und brauner Dächer, unterbrochen von Türmen und breiten, geraden Straßenzügen, dahinter, in der Ferne, das blaue Schimmern des Ozeans.

„Um die Herzogin von Ischor“, vermutete der Soldat und man konnte den Ton, mit dem dieser Satz endete, fast ein Seufzen nennen.

Soam wandte sich um und lächelte.

„Sie wollte keinen anderen, als den Gardisten Saik, den Fenier mit der lyrische Ader.“

Der andere schnaubte.

„Und als enge Vertraute des jungen Kaisers muss ein solcher  Wunsch selbstverständlich berücksichtigt werden.“

„Du sagst es.“

Saik nickte missmutig, sagte aber nichts weiter dazu.

„Und ich dachte, es würde dich freuen“, neckte der Irmane. „Viele Gardisten würden sich darum reißen, die schönste Frau des Reiches zu eskortieren! Und so weit ich weiß, hast du deinen Auftrag damals durchaus genossen.“

„Sie ist keine unangenehme Reisebegleitung“, gab Saik zögernd zu, „aber um ehrlich zu sein ...“ Er stockte.

„Ja?“

„Sie versteht es zu gut, ihre Möglichkeiten im besten Licht zu zeigen. Und sie hat etwas ... unkonventionelle Anliegen an ihre Eskorte.“

Soam schmunzelte.

„Die du ausgezeichnet abzuwenden verstanden hast. Nicht jeder Gardist ist so feinfühlig wie du, Saik, und auch ihr Bruder war sehr zufrieden mit dir. Du hast sie abgewiesen, ohne sie zu beleidigen. Das ist durchaus eine Kunst! Ich muss dir sicher nicht noch einmal sagen, dass es dir absolut verboten ist, ihr in Wünschen zu willfahren, die, sagen wir, zu weit über die Gewährleistung ihrer Sicherheit hinausgehen.“

Saik nickte nur mit schmalen Lippen, aber er enthielt sich jeder weiteren Anmerkung zu diesem Thema. Statt dessen fragte er:

„Ich nehme an, nach diesem Auftrag kehre ich nach As-Getaran zurück?“

Soam schüttelte den Kopf.

„Galteen wird deinen Posten dort übernehmen – er dürfte dort schon eingetroffen sein. Du kommst hier her zurück. Mir wird schon noch etwas einfallen, womit ich dich dann beschäftigen kann.“

„Ich hörte, der Posten in Heljenikmer sei vakant“, warf Saik ein und fügte dann an: „Von Anjoilí aus wären es nur zwei Tagesreisen.“

Soams Blick verfinsterte sich.

„Das ist eine schlimme Sache. Der dritte Gardist in vier Monaten. Die Posten in den frisch eroberten Gebieten sind die gefährlichsten, die wir zur Zeit zu vergeben haben.“ Er schüttelte in offenbarem Unverständnis den Kopf. „Die neuen Irmanerien in den Ostebenen scheinen für die Treschjaden noch immer ein Sinnbild der Eroberer zu sein und die dort stationierten Gardisten sind der Kulminationspunkt ihres Hasses.“

„Ich würde mich freiwillig melden“, erklärte Saik ungerührt. „Mit missgestimmten Bauern werde ich schon fertig.“

Soam musterte seinen Zögling nachdenklich.

„Seit drei Jahren meldest du dich ausschließlich zu Einsätzen in den Provinzen. Ich habe dich kaum noch zu Gesicht bekommen.“ Schmunzelnd fügte er an: „Kann es sein, dass du dich im Hauptquartier nicht mehr wohl fühlst?“

Saik ging auf den scherzenden Ton nicht ein. Tatsächlich ging er auf die gesamte Aussage nicht ein. Statt dessen erhob er sich und fragte:

„Gibt es sonst noch etwas, das ich über diesen Auftrag wissen sollte?“

Soam musterte den Gardisten einen Moment lang prüfend, dann nickte er, als wäre er damit einverstanden, das andere Thema nicht weiter zu verfolgen.

„Du wirst die Herzogin zu ihrem zukünftigen Gatten begleiten - dem Herzog von Anjoilí.“

Saik pfiff leise durch die Zähne.

„Eine gute Partie“, stellte er fest, „zumindest politisch gesehen. Aber ist der Herzog nicht doppelt so alt, wie sie?“

„Das sollte kaum deine Sorge sein. Alles Wesentliche wirst du von ihr erfahren. Sei wachsam bei diesem Auftrag und pass auf dich auf, mein Junge.“

Saik salutierte knapp.

„Du wirst dich meiner nicht schämen müssen, Patron.“

„Sicher nicht.“ Der zierliche Irmane kehrte zu seinem Stuhl zurück. „Ich hatte dich übrigens schon heute morgen hier erwartet, aber so ist es auch recht. Die Herzogin wollte morgen früh aufbrechen. Sie erwartet, dass du sie heute Abend noch aufsuchst, um die letzten Einzelheiten zu klären.“

Saik nickte.

„Dann werde ich das am besten sogleich tun. Es dämmert bald und sie wird sich rechtzeitig hinlegen wollen.“

Soam lächelte fein.

„Das glaube ich an kaum“, schmunzelte er. „Aber es ist schon richtig, geh möglichst gleich hinüber. Und zieh dir etwas anderes an“, fügte er mit einem Blick auf die staubbedeckte Uniform des Gardisten hinzu. „Sie gibt heute eine Abendgesellschaft“

 

*      *      *

 

Die Fenster der herzoglichen Stadtresidenz leuchteten golden auf die dämmrigen Straßen hinaus. Schon vor der Tür konnte Saik Musik hören.

Der Sklave, der dem Gardisten öffnete, schien auf seine Ankunft vorbereitet worden zu sein. Er verneigte sich leicht und bedeutete dem Gast, einzutreten. Dann lief er Saik in unterwürfig gebückter Haltung voraus und führte ihn direkt zum Ballsaal, wie der Gardist aus dem Anschwellen des Geräuschpegels herleiten konnte. Mit klirrenden Schritten folgte der Soldat dem Sklaven, der ihn zu zwei imponierenden Flügeltüren führte, eine davon öffnete und den Gast mit servilem Bückling zum Eintreten aufforderte. Gleich nach der Türe trat Saik einen Schritt zur Seite, um den Sklaven an sich vorbei zu lassen – obwohl der Diener sich so untertänig verneigte, dass er ohne weiteres zwischen den langen Beinen des Gardisten hätte hindurchschlüpfen können. Saiks Augen suchten in der glanzvollen Masse bekannter Persönlichkeiten nach der schlanken Gestalt der Herzogin und er fand sie auch bald, umringt von Männern unterschiedlichsten Ranges und Alters. Der Sklave hatte wohl nicht den gleichen, aufmerksamen Blick, denn er sah noch suchend umher. Dass er dabei die Augen kaum vom Boden erhob, mochte den mangelnden Erfolg seiner Bemühungen erklären. Der Soldat setzte sich in Bewegung und ließ den Diener zurück.

Als Saik die Gruppe erreichte, erhob sich allgemeines Gelächter über einen Scherz – aus der Tatsache, dass sich die Herren der Runde ausnahmslos amüsierten, schloss Saik, dass es ein Scherz der Herzogin gewesen sein musste. Cidalia, deren Aufmerksamkeit sicher jeder der anwesenden Männer gerne auf sich gelenkt hätte, bemerkte den Gardisten sofort. Sie hob ihr Glas und prostete ihm grüßend zu.

„Das, meine Herren, ist der poesieliebende Schwarzgardist, den ich als Eskorte bestellt habe.“ Der Ring der Verehrer öffnete sich, um sie hindurch zu lassen. Amüsiert stellte Saik fest, dass in einigen Blicken verborgene Feindseligkeit blitzte. Es geschah nicht oft, dass ein Schwarzgardist von einem Mann des Adels als Konkurrent empfunden wurde. Die Herzogin musste ihn bereits in schillernden Farben beschrieben haben.

Saik konnte aber auch sehen, dass die junge Frau nicht mehr ganz sicher auf den Beinen war. Offensichtlich hatte sie dem Alkohol bereits beträchtlich zugesprochen. Aber ihr Lächeln war leuchtend und ihr Kleid brachte die wunderbaren Formen ihres Körpers reizvoll zur Geltung. Ihre Haare, heute in einem dunklen, warmen Goldton schimmernd, flossen weich und seidig aus der kunstvoll gesteckten Frisur. Er hatte sie lang nicht gesehen, aber er verstand ohne weiteres, weshalb sie noch immer als eine der schönsten Frauen des Reiches galt. Sie strahlte mehr feminine Eleganz aus, als jede andere Frau, die er kannte, und die Blicke der sie umringenden Herren folgten ihr bewundernd.

Saik verneigte sich knapp.

„Ich nehme an, dies ist nicht der geeignete Zeitpunkt, um über unsere morgige Abreise zu sprechen. Vielleicht sagt Ihr mir, wann es Euch genehm wäre?“

„Aber Saik!“ Sie zog einen mädchenhaften Schmollmund. „Ich hoffte von Euch ein wenig Ligara von Themin zu hören oder eine neue Ode von Carra Accanta.“

„Vergebung, Hoheit.“ Wieder verneigte sich der Gardist. „Euch stehen heute exquisitere Zerstreuungen zur Verfügung. Spart Euch die mühseligen Versuche eines Soldaten, sich den schönen Künsten zu nähern, lieber als Belustigung für die trockenen Reisetage auf.“

„Nicht so bescheiden, mein Soldat“, neckte sie. „Und weshalb so ernst? Dies ist ein Fest. Amüsiert euch!“

„Ich danke für die Einladung.“

„Aber?“ Sie ahnte, dass sie ihn noch nicht davon überzeugt hatte, sich in die Lustbarkeiten des Abends zu stürzen.

„Ich soll morgen für euren Schutz zur Verfügung stehen, Hoheit. Ich ziehe es vor, diese Aufgabe nüchtern und ausgeruht anzugehen.“

„Bringt dieser Mann ein Glas Briwari!“ Der Ton der Herzogin war strenger geworden und es dauerte nur einen Moment, bis jemand dem Gardisten ein Glas mit leuchtend rotem Wein anreichte. Doch Saik machte keine Anstalten, danach zu greifen, woraufhin die Herzogin tadelnd einen Finger hob.

„Ihr solltet inzwischen gelernt haben, dass ich meinen Willen durchsetzen kann.“ Sie lächelte bei diesen Worten und ihr Blick hatte etwas keckes, doch an Saiks ernster Ruhe änderte sich nichts.

„Und ihr solltet gelernt haben, dass ich die Wahl zwischen eurer Sicherheit und eurer Kurzweil nur in eine Richtung treffen werde.“

„Hütet Eure Zunge, Soldat!“ Saiks Äußerung hatte zu Unmut unter den Verehrern der Herzogin geführt, doch die junge Frau lachte nur. Sie trat noch einen Schritt auf den Gardisten zu, hob den schlanken Arm und ließ ihre Finger ungebührlich lasziv über seine Brust geleiten. Er stand aufrecht und gerade, wie beim salutieren und musterte sie kühl.

„Ihr habt getrunken, Hoheit“, murmelte er so leise, dass nur sie es hören konnte. „Euer Verhalten beschämt euren Bruder ebenso, wie euren zukünftigen Gatten, ganz zu schweigen von Euch selbst.“

„Wollt Ihr mich maßregeln?“, fragte sie scharf.

„Das würde ich mir niemals anmaßen, Hoheit. Wenn ihr erlaubt, werde ich mich zurückziehen und wieder kommen, wenn es gelegener ist.“ Er verneigte sich knapp und schickte sich an, den Saal zu verlassen, aber der scharfe Ton der Herzogin hielt ihn zurück.

„Das werdet ihr nicht tun!“

„Mit Verlaub, Hoheit, ich denke  ...“

Sie stampfte mit dem Fuß auf.

„Was ihr denkt ist irrelevant!“ Die Gespräche im Umkreis verstummten betreten und einige Augenpaare richteten sich auf die Herzogin.

„Ihr werdet mein Fest nicht verlassen! Wenn ihr Euch nicht amüsieren wollt, ist das Eure Sache, aber ihr werdet nicht gehen.“

Er warf ihr einen finsteren Blick zu.

„Wie ihr befehlt“, knurrte er leise.

Noch für einen kurzen Augenblick bohrten sich ihre Blicke ineinander, dann drehte sich die Herzogin zu den übrigen Herren um.

„Ihr hattet um einen Tanz gebeten?“, wandt sie sich an einen reich gekleideten Gecken, der drei oder vier Jahre jünger sein mochte, als sie. Ihre Stimme war gewohnt weich und freundlich, als wäre nichts vorgefallen, und so ließ sie sich von dem jungen Mann auf die Tanzfläche führen, während Saiks finsterer Blick ihr folgte. Der Gardist stand noch einen Augenblick regungslos mitten im Raum, dann zog er sich an die Wand zurück und blieb dort stehen, die Hände auf den Rücken verschränkt, mit leise kochender Wut im Bauch.

Es störte ihn nicht, dass sie ihn in der Öffentlichkeit herumkommandiert hatte. Er war Soldat, und gewohnt, Befehle zu hören. Was seine Stimmung mehr und mehr verfinsterte war ihr Verhalten, das er jetzt beobachtete. Sie ließ keinen Tanz aus, stolperte lachend in die Arme der verschiedensten Männer und hatte offensichtlich nichts dagegen, wenn die Hände ihrer jeweiligen Tanzpartner sich über die Bereiche, deren Berührung die Schicklichkeit zuließ, hinaus bewegten. Ja, sie provozierte solche Entgleisungen geradezu.

Er wusste selbst nicht, weshalb ihr Verhalten ihn so wütend machte. Dass ein Mitglied des Adels Schrullen und Launen hatte, das war so unumgänglich, wie das winselnde Flehen eines gefangenen Nualkas um sein erbärmliches Leben – und im allgemeinen nahm ein Gardist beides mit der selben Gleichmut hin. Die Herzogin hatte jedes Recht, sich so zu amüsieren, wie es ihr am angenehmsten schien, und wenn sie sich dabei zum Gespött machte so war das nicht seine Sache – zumindest nicht, so lange sie sich noch unter der Obhut ihre Bruders befand, statt unter der seinen.

Warum also ärgerte es ihn so?

Vielleicht war es, weil er wusste, dass sie ganz anders sein konnte – dass sie ganz anders war. Sie war schön, ja, aber sie war auch freundlich und warmherzig. Mehr als einmal hatte sie Menschen in Not auf ihren Ländereien Zuflucht gewährt, meist gegen den Willen ihres Bruders, und es hatte sie nicht gekümmert, ob es sich dabei um Fenier, Treschjaden, oder gar Teleschim gehandelt hatte. In den vergangenen Jahren hatte sie so manches zornige Urteil des jungen, selbstverliebten Kaisers mit Geschick und Verstand mildern können. Sie behandelte jeden mit echter Freundlichkeit, ob es sich um einen Baron handelte oder um das leibeigene Zimmermädchen einer Herberge – oder eben um einen Schwarzgardisten. Er hatte die Reise mit ihr tatsächlich genossen, aber er hatte sie noch niemals in einer solchen Gesellschaft erlebt, und sie erschien ihm wie ausgewechselt.

Sie schien zu wissen, dass ihr Verhalten ihn peinigte. Während der meisten Zeit bewegte sie sich in seinem Blickfeld, und wenn sie sich etwas weiter entfernt aufhielt, lachte sie so laut, dass er ihre Anwesenheit unmöglich ignorieren konnte.

Vielleicht gerade weil sich Saiks Wut bei ihrem Anblick nur noch steigerte, konnte er kein Auge von ihr lassen. Den Rest der Gesellschaft nahm er nur am Rande wahr: die bewachenden Matronen, die jovialen älteren Herren und die tuschelnden jungen Damen, die ihn mit scheuer Neugier musterten. So sah er auch die junge Frau nicht, die sich ihm mit schüchternem Augenaufschlag näherte. Erst als sie ihn ansprach, bemerkte er die zarte Gestalt, fast noch ein Mädchen, deren dunkle Locken weich über die schmalen Schultern flossen und ein helles, weiches Decollete einrahmten.

„Seid Ihr auch ein Gast?“, fragte sie zögernd. Das leichte Erröten ihrer Wangen war nicht geschminkt und verriet Unschuld, aber Saik hatte keinen Blick für die Schönheiten, die sich ihm boten. Er blickte nur kurz zu der jungen Dame hinüber und knurrte:

„Nein. Ich gehöre zur Dekoration.“

Die barsche Antwort veranlasste die junge Frau, sich mit irritierter Verlegenheit abzuwenden. Saik beachtete sie nicht weiter, sondern beobachtete finster, wie die Herzogin, umringt von einer Männerschar, schamlos flirtete und bei der zur Schau Stellung ihrer Reize die Grenze zum Obszönen gefährlich nahe streifte. Schließlich wandte er sich ab und verließ den Saal durch eine der weit geöffneten Gartentüren. Es war ihm untersagt worden, das Fest zu verlassen, aber natürlich waren die Lustbarkeiten nicht auf den Ballsaal beschränkt.

Ein lauer Sommerwind raschelte in den nachtschwarzen Büschen, oder vielleicht war es auch das eine oder andere Pärchen, dass sich zu lauschiger Zweisamkeit zurückgezogen hatte. Saik atmete tief durch und bemühte sich, die Bilder und Gefühle abzuschütteln, die in seinem Inneren herumwirbelten wie Herbstblätter, doch schon hörte er die Stimme der Herzogin hinter sich, weicher diesmal, und freundlicher.

„Was tut Ihr hier draußen? Es machte fast den Eindruck, als würdet Ihr vor etwas fliehen.“

Er blickte weiter in die Dunkelheit hinaus.

„Ich konnte es nicht länger mit ansehen“, knurrte er.

„Was denn?“, fragte sie unschuldig. Jetzt drehte er sich zu ihr um und starrte sie finster an.

„Das wisst Ihr ganz genau, Hoheit. Ihr macht Euch billig. Warum?“

„Wie bitte?“

„Tut Ihr das, um euren Bruder zu verärgern, oder um mich eifersüchtig zu machen?”

Sie hob in gespieltem Erstaunen die Augenbrauen.

„Eifersüchtig? Euch? Ich wüsste nicht, dass Ihr jemals einen Anspruch auf mich geltend gemacht hättet.”

Sein Blick lag finster in ihren spöttisch lachenden Augen.

„Bitte, Hoheit. Keine Spiele diesmal.“

Sie schmunzelte kokett und ihre Stimme wurde dunkler.

„Ich habe es versucht, auf die direkte Art. Erinnert Ihr euch?“

„Wie könnte ich das vergessen!“ Er hatte das Bild nie mehr ganz aus seinem Kopf verbannen können: der wohlgeformte Körper, nackt hingestreckt unter rotem Satin, die bloßen Schultern umflossen von der Fülle glänzender Haare – damals hatten sie die Farbe frischer Kastanien gehabt.  

„Sagt mir eines, Saik.“ Sie trat zu ihm heran, so nah, dass ihre hochgebundenen Brüste, deren Erregung der zarte Stoff nur unzureichend kaschierte, ihn fast berührten. Mit reizendem Wimpernschlag blickte sie zu ihm hinauf und ihre samtenen, grünen Augen schimmerten feucht in dem festlichen Licht, das sich aus dem Saal in den Garten ergoss.

„Habt Ihr die Entscheidung jemals bereut, die Ihr damals getroffen habt?” Sie klang verführerisch dunkel und weich.

Er rührte sich nicht, zwang sich, über sie hinweg zu blicken und seine Stimme blieb sachlich hart.

„Es gab keine Entscheidung zu treffen, Hoheit.”

„Korrekt bis zuletzt, nicht wahr?”

Jetzt senkte er doch den Blick und betrachtete das feine, wunderschöne Gesicht. Er würde seinen Kopf nur leicht neigen müssen, um seinen Mund auf ihre vollen, weichen Lippen legen zu können. Ihr samtenes Decolleté wölbte sich ihm entgegen und die schmalen, geschnürten Hüften schienen nach seinen Armen geradezu zu schreien. Ihre Haare schimmerten wie dunkles Gold und dieser ganze, wunderschöne Körper, nach dem die Edelsten des Reiches sich verzehrten, schien von innen her zu leuchten.

Sie sah das Zucken in seinem Gesicht und berührte zart seine Hände, ließ ihre Finger an seinen Armen hinaufwandern. Ihr Knie schob sich zwischen seine Beine und sie stand nah genug vor ihm, um seine unwillkürliche Reaktion zu spüren. Ihre Brüste drückten sich weich gegen ihn, ihre Lippen öffneten sich in der Erwartung seines Kusses, ihre Lider schlossen sich.

Unwillkürlich, fast gegen seinen Willen, näherten sich seine Lippen den ihren. Es wäre nur ein Kuss. Was war schon dabei? Die Berührung zweier Münder, nicht mehr. Langsam, ganz langsam senkte der Gardist den Kopf.

„Nein!” Kurz bevor er ihre Lippen erreicht hatte, riss er sich zusammen und trat einen Schritt zurück. Er wandte sich halb von ihr ab, als ob er ihren Anblick nicht ertragen könne.

Einen Moment lang herrschte Schweigen. Als sie dann sprach, ließen Enttäuschung und Ernüchterung die Stimme der Herzogin beben.

„Was habe ich falsch gemacht, Saik?”

„Gar nichts, Hoheit.” Er klang heiser und auch seine Stimme zitterte. „Bitte ... tut das nie wieder.”

„Ich will dich, Saik”, hauchte sie eindringlich. Er hob den Kopf und atmete tief durch. Dann lachte er leise und hoffte, damit die Spannung zu lösen, die immer noch knisternd zwischen ihnen hing.

„Das ist mir inzwischen aufgefallen!” Jetzt drehte er sich doch wieder zu ihr um.

„Hoheit“, sagte er dann, und atmete schwer. „Meine Instruktionen sind unmissverständlich. Glaubt mir, ich wünschte, es wäre anders.“ Er wollte sich zum Gehen wenden, aber ihre Stimme hielt ihn zurück.

„Ihr habt noch niemals die Regeln der Garde gebrochen?“, fragte sie herausfordernd. Er stockte. Langsam, ohne sie anzublicken, sagte er:

„Ich habe Regeln gebrochen, Hoheit. Aber niemals einen direkten Befehl.“

Einen Moment lang schwiegen sie beide. Sie blickte auf die elegante Gestalt, die breiten Schultern, von denen der Festmantel der Garde wallte. Dann, langsam, senkte sie den Kopf und murmelte: „Habt Ihr sie geliebt?“

„Wen, Hoheit?“

„Die, für die Ihr die Regeln gebrochen habt.“

Er zögerte. Dann drehte er sich zu ihr um und nickte leicht.

„Ja, Hoheit. Ich habe sie geliebt.“

Cidalia atmete tief ein und wieder aus.

„Sie ist eine glückliche Frau“, behauptete sie.

„Nein, Hoheit.“ Er schüttelte sachte den Kopf. „Glücklich war sie niemals. Sie war die Frau eines Rebellen, eine Gefangene der Garde. Sie lebte einige Jahre als Sklavin im Hauptquartier.“

Nun hob die Herzogin den Blick wieder und musterte das ausdruckslose Gesicht des Gardisten. Sie kannte ihn gut genug, um diesen versteinerten Ausdruck richtig zu deuten.

„Was ist aus ihr geworden?“, flüsterte sie. Seine hellen Augen, die blicklos in die Dunkelheit gestarrt hatten, gerieten in Bewegung und wanderten wieder zu ihr hinüber.

„Ich habe sie hingerichtet.“

„Nein!“ Sie sah ihn entsetzt an und ihre Hände krallten sich in den knisternden Stoff ihres Kleides. „Warum?“ hauchte sie. Als er antwortete, war seine Stimme so hart, wie seine Worte.

„Ich erhielt den Befehl.“

 

*      *      *

 

Es gab keine andere Möglichkeit, den Garten zu verlassen, als wieder durch den Festsaal zu gehen. Die Herzogin hatte ihn nicht mehr aufgehalten, als er sich zum Gehen gewandt hatte. Jetzt drängte sich Saik durch die Gäste zum Ausgang. Doch plötzlich stockte er, als er das Gesicht des jungen Kaisers erkannte.

Aus Pelegrin war ein Jüngling geworden, der die anmutige Eleganz des Adels ausstrahlte, umringt von wichtigen Menschen und solchen, die sich dafür hielten. Auch er seinerseits bemerkte Saik und erkannte ihn sofort. Es lag einige Jahre zurück aber er würde niemals den Gardisten vergessen, dessen Hand strafend auf sein kindliches Hinterteil niedergegangen war, und den er dafür unbarmherzig der Peitsche unterworfen hatte. Hatte der Anblick der Bestrafung und die blutige Spur, die der Bewusstlose hinterlassen hatte, als man ihn aus dem Raum schleifte, auch zuerst Erschrecken in seinem kindlichen Gemüt ausgelöst, so schwang in der Erinnerung nun doch auch ein Gefühl von Macht und Stärke mit. Es war das erste Mal gewesen, dass er eine solche Bestrafung angeordnet hatte, doch war es nicht das letzte Mal geblieben.

Es war unwahrscheinlich, dass irgend einer seiner Begleiter diese Begebenheiten kannte, aber offensichtlich wollte der junge Kaiser den Gardisten nicht einfach ignorieren. Im Gegenteil. Mit einem erfreuten Lächeln kam er auf den Soldaten zu, der sich daraufhin tief verneigte.

„Wie ich sehe, seid Ihr tatsächlich noch am Leben“, bemerkte der junge Kaiser angelegentlich. „Für einen Schwarzgardisten dürftet Ihr bereits ein gesegnetes Alter erreicht haben!“

„Die exzellente Ausbildung der Garde sorgt dafür, dass wir eurem Dienste möglichst lange erhalten bleiben“, entgegnete der Angesprochene ungerührt.

„Das hört man gerne, Soldat. Und wie geht es eurem Rücken?“

In Saiks Gesicht war rein gar nichts zu lesen, obwohl die Erinnerung für ihn keine angenehme war.

„Besser, königliche Hoheit“, antwortete er ohne weiteres. „Danke der Nachfrage.“

Der junge Kaiser lächelte hoheitsvoll und schwebte weiter, die Höflinge wie eine Schleppe hinter sich her ziehend. Saik blickte ihm nur kurz nach, dann trat er auf einen der Diener zu, der mit schmutzigen Gläsern beladen dem Ausgang zustrebte.

„Ich suche den Herzog von Ischor“, erklärte er dem Sklaven, der ihn daraufhin kurz musterte und ihm bedeutete, ihm zu folgen. Nachdem er seine Last einem anderen Diener übergeben hatte, führte der Mann ihn aus dem Festsaal, eine Treppe hinauf und durch die Gänge zu den privaten Gemächern der Familie. An einer der schmalen Türen bedeutete er Saik zu warten und verschwand nach dem Anklopfen, um den Gardisten zu melden. Erst dann ließ er den Gast eintreten.

Als Saik in das Zimmer kam, stand der Herzog mit auf den Rücken verschränkten Händen vor einem der Fenster und starrte hinaus. Erst, als der Sklave sie alleine gelassen hatte, wandte er sich um.

Es war nur wenige Jahre her, dass Saik den Herzog von Ischor gesehen hatte, aber in dieser Zeit war der junge Mann erschreckend gealtert. Enttäuschung und Resignation hatte sich tief in sein Gesicht gegraben.

„Maschat sagte mir, dass auch Ihr mich sprechen wolltet?“, begann von Ischor das Gespräch ohne Umschweife. Saik verneigte sich leicht.

„Ich hoffte, Ihr könntet mir die wichtigsten Anweisungen für die morgige Abreise geben. Die Herzogin scheint heute Abend nicht in der Stimmung für organisatorische Dinge zu sein.“

„Nicht in der Stimmung“, wiederholte der Herzog mit einem Schnauben. „Das habt Ihr sehr diplomatisch ausgedrückt. Ich habe das Fest früh verlassen, weil ich ihr schamloses Verhalten nicht mehr mit ansehen konnte. Früher war sie wenigstens nur dumm und zickig, inzwischen ist sie ordinär!“ Er biss voll Wut die Kiefer aufeinander, während Saik eher betreten schwieg. Diese Aussage des Herzogs einem Soldaten gegenüber, der keine weitere Verbindung zum Hause Ischor hatte, war auch nicht gerade angemessen, aber es war wohl der Zorn, der den Herzog zu dieser unbedachten Äußerung verleitet hatte. Von Ischor schien die Peinlichkeit der Situation jetzt ähnlich zu empfinden, denn er räusperte sich und wechselte das Thema, während er dem Soldaten einen Sessel anbot und sich auf dem gegenüberstehenden Sofa nieder ließ.

„Ihr seid zumindest schon über den Anlass der Reise informiert worden, nehme ich an.“

Saik nickte.

„Die Herzogin wird zu Ihrer Vermählung mit dem Herzog von Anjoilí reisen“, fasste er zusammen.

„Das ist richtig. Die Bekanntgabe dieser Verbindung hat für einiges Aufsehen gesorgt und war für viele eine Überraschung.“

„Verständlich“, nickte Saik.

„So?“ Der Herzog hob die Augenbrauen, und nun war es an Saik, verlegen zu werden.

„Verzeiht, Hoheit“, murmelte er. „Diese Bemerkung war unangebracht.“

Zu seiner Verwunderung sah er den Herzog schmunzeln, aber es lag mehr Spott als Belustigung in seiner Miene.

„Im Gegenteil. Und ich habe Euch nicht als einen Mann in Erinnerung, der mit seiner Meinung hinter dem Berg hält“, erklärte er. „Also heraus mit der Sprache.“

„Hoheit?“ Saik war sich nicht sicher, wie er diese Aufforderung zu verstehen hatte.

„Woran habt Ihr eben gedacht?“

„Nun ja.“ Der Gardist legte den Kopf leicht schräg und erklärte vorsichtig: „Der Herzog von Anjoilí ist bekannt für seine strikten moralischen Vorstellungen, was für Eure Schwester, mit Verlaub, nicht in gleichem Umfang zutrifft.“

„Präzise und zartfühlend dargestellt“, bestätigte der Herzog nickend und schlug ein Bein über das andere. „Ich beginne, die Vorliebe meiner Schwester für Eure Begleitung zu verstehen. Wie dem auch sei, der Herzog war zu dieser Verbindung bereit. Es wurde bereits ein umfangreicher Ehevertrag aufgesetzt, worin meine Schwester sich unter anderem verpflichtet, vom Augenblick ihrer Abreise an, alle ehelichen Treuepflichten gegenüber ihrem zukünftigen Gatten einzuhalten.“ Er musterte den Gardisten scharf. „Ich erwarte, dass Ihr sie bei der Einhaltung dieser Pflichten unterstützt.“

„Selbstverständlich, Hoheit“, nickte der Gardist.

„Cidalia hat einen Narren an Euch gefressen und ich weiß, dass sie in der Durchsetzung ihres Willens recht beharrlich sein kann.“

„Eure Anweisungen sind deutlich genug, Hoheit. Ihr werdet keinen Grund zur Beanstandung finden.“

„Das hoffe ich.“ Von Ischor lehnte sich zurück und musterte den Gardisten, der das mit unbewegter Miene über sich ergehen ließ. Schließlich nickte der Herzog.

„Es gibt noch einen weiteren Grund, weshalb diese Hochzeit für Aufsehen sorgt. Der Herzog hat einen nicht unerheblichen Einfluss im Senat und meine Schwester hat einen nicht unerheblichen Einfluss auf den Kaiser. Einige meinen, das wäre zu viel Macht in einer Familie.“

Diesmal hielt sich Saik mit Äußerungen zurück und blickte sein Gegenüber nur abwartend an.

„Es ist durchaus damit zu rechnen, dass gegnerische Kräfte versuchen könnten, diese Verbindung zu verhindern, indem sie meine Schwester töten.“

Saiks Gesicht blieb unbewegt.

„Wenn es so steht“, meinte er langsam, „haltet Ihr dann den Geleitschutz durch einen einzelnen Gardisten tatsächlich für ausreichend?“

Der Herzog lächelte.

„Ihr habt offenbar das Zutrauen in Eure eigenen Fähigkeiten verloren.“

„Keineswegs“, widersprach Saik. „Aber auch ein Schwarzgardist ist nur ein einzelner Mann.“ Ein amüsiertes Schnauben des Herzogs antwortete ihm.

„Keine Angst. Ich habe noch drei kampferprobte Männer abgestellt, die Euch begleiten werden. Sie werden eurem Befehl unterstellt.“

„Soldaten?“, erkundigte sich der Gardist.

„Nein. Es handelt sich um Freigelassene: ehemalige Arenensklaven.“

Saik hob die Brauen.

„Ihr könnt ihnen vertrauen?“, wagte er zu fragen.

„Unbedingt. Sie sind mir verpflichtet und sie verehren meine Schwester.“ Jetzt erhob sich der Herzog und veranlasste Saik damit, das gleiche zu tun.

„Meine Schwester wird morgen früh, eine Stunde nach Sonnenaufgang aufbrechen. Es ist ausreichend, wenn Ihr zu diesem Zeitpunkt hier seid.“

Saik neigte leicht den Kopf zum Zeichen, dass er verstanden hatte.

„Steht es mir frei, die Route festzulegen?“, fragte er.

„Völlig. Nur bitte beachtet, dass der Herzog sie in fünf Tagen erwartet.“

„Sie wird dort sein, Hoheit.“

 

*      *      *