Der Schwarzgardist - Band III - Leseprobe

Prolog

 

Die Halle war kreisrund und fensterlos. Das Mosaik, das sich über den Fußboden zog, nahm die runde Form auf, variierte sie und lenkte den Blick des Betrachters auf ein abstraktes, metallenes Gebilde in der Mitte des Raumes. Auf dem Gestell, das nicht wie ein Kunstwerk wirkte, obwohl es durchaus fein gearbeitet war, spiegelte sich das mystische, rötliche Licht, das drei Glutbecken verbreiteten.

Durch die zweiflügelige Türe trat ein Junge in einem grauen, bodenlangen Gewand. Halb begehrlich, halb ängstlich starrte er auf die fremdartige Konstruktion, während er auf sie zuschritt, begleitet von zwei Männern, der ältere in das rot und weiß der Irmanen gekleidet, der andere in der düsteren Uniform der Schwarzen Garde. Die drei Personen nahmen die Plätze zwischen den Glutbecken ein, dort, wo das Mosaik mit runden, farbigen Flächen ihre Positionen vorgab, und bildeten so einen Kreis um die Statue.

Die Männer musterten das Kind. Der Junge wiederum hielt seine Augen in fasziniertem Grauen auf die Metallkonstruktion geheftet.

An der Spitze des Gebildes befand sich eine abgeflachte Metallkugel, auf der der Abdruck einer kleinen Hand zu sehen war. Seine schmale Kinderhand würde sich gut in diesen Abdruck einpassen. Dort, wo dann die Handfläche zu liegen kommen würde, klaffte ein kreisrundes Loch in dem Metall.

„Sieh her!” Der Gardist, der sein Lehrer werden sollte, umfasste die Kugel mit zwei Fingern und schob sie nach unten. Aus der Öffnung bohrte sich eine nadelscharfe Spitze nach oben, die breiter wurde und sich dann, nach einem Absatz, abrupt zu einem schmalen Stab verjüngte. Der Junge erbleichte und schluckte. Als der Gardist den Druck verringerte, kehrte die Kugel lautlos an ihren ursprünglichen Platz zurück und die Spitze verschwand.

„Anwärter!” Der Irmane erhob die Stimme. „Zeige mir die Hand, die dem Kaiser zu dienen bestimmt ist!”

Der Zehnjährige streckte den rechten Arm aus und hielt ihn, den Handrücken nach oben gedreht, über dem Gestell in die Luft.

„Dann lasse sie formen!”, fuhr der Mann fort, und das Kind senkte den Arm, fasste die Kugel so, dass seine Finger in den entsprechenden Vertiefungen zu liegen kamen. Erwartungsvolle Stille breitete sich aus. Regungslos warteten die Männer, dass das Kind die Kugel hinunter pressen und der Dorn seine Hand durchstoßen würde. Aber nichts geschah. Ein, zweimal spannten sich die Muskeln in dem schmalen Arm an, aber stets war die Angst vor dem Schmerz größer, siegte der natürliche Widerstand gegen die Verletzung des eigenen Körpers.

„Tu’ es!”, forderte der Irmane den Jungen auf. „Du kannst es.” Das Kind schloss die Augen und biss die Zähne aufeinander, aber die Hand bewegte sich nicht. Die Männer blickten sich an. Schließlich schüttelte der Irmane den Kopf.

„Lasst uns gehen.” Mit diesen Worten wandte er sich um und schritt auf den Ausgang zu. Der Schwarze folgte ihm, nur der Junge verharrte regungslos, die Hand noch immer auf dem kühlen Metall liegend.

„Komm, Saik!”, sagte der ältere Mann warm. „Du hast noch zwei Versuche.” Aber das Kind blieb regungslos stehen, die Augen auf die eigene Hand gerichtet. Eine Falte der Ungeduld erschien auf der Stirn des rotgewandeten, aber bevor er noch etwas sagen konnte, hörte er die Stimme des Kindes, heiser, aber ohne Zittern.

„Befehlt es mir, Soam!”

Die beiden Männer blickten sich an. Der Irmane schien unentschlossen, aber der Gardist schüttelte den Kopf.

„Es ist das erste Mal”, murmelte er. „So gut wie keiner schafft es beim ersten Mal.”

Doch Soam entschied sich anders. Er ging zu dem Kind zurück und stellte sich hinter die kleine Gestalt.

„Saik”, sagte er hart, „ich befehle dir, die Kugel hinunter zu drücken!”

Die kleine Brust hob sich, die Muskeln spannten sich an, und dann bewegte sich das Metall mit einem Ruck. Der Schrei des Jungen hallte durch den Saal, aber sobald der Dorn die Hand geritzt hatte, war eine Klammer um das schmale Handgelenk geklappt und der Mechanismus führte die Bewegung mit metallischem Rasseln und aus eigenem Antrieb weiter, bis die Gliedmaße am Endpunkt angelangt war. Den grässlichen Schrei nicht achtend trat der Schwarzgewandete näher und half dem Irmanen. Alles musste jetzt sehr schnell gehen. Es galt, die Wunde zu vergrößern, die Knochensplitter zu entfernen, die entsprechenden Sehnen richtig zu platzieren und die aufgerissene Haut fachgerecht zu vernähen.

Dem Jungen waren die Beine weggeknickt. Kraftlos hing er an der durchbohrten Hand, und weinte, bis er das Bewusstsein verlor. Aber neben dem Schmerz erfüllte ihn noch ein anderes Gefühl: Stolz. Er war jetzt ein Aspirant der Garde!

 

*      *      *

Kapitel 1 - Lichtung

 

Die verloschene Feuerstelle schwärte auf dem Waldboden wie eine verkrustete Wunde. Ein leichter Wind wirbelte den Aschestaub auf und trug ihn zu einem Mann in schwarzer Uniform hinüber, der regungslos am Waldrand stand. Sein wachsamer Blick glitt über die kleine Lichtung, bevor er selbst unter dem Schutz der Bäume hervor trat. Als er sich neben dem erloschenen Feuer in die Hocke nieder ließ, knarrte das Leder seiner Uniform, deren Düsternis nur hier und dort durch ein martialisch schimmerndes Metallteil unterbrochen wurde. Auffällig war die silbrige Konstruktion auf dem rechten Handrücken des Mannes, deren Eigenschaft als Waffe deutlich zu erkennen war. Während der Soldat seinen linken Handschuh auszog, musterte er den elfjährigen Jungen, der auf einem Pferd unter den Bäumen wartete.

„Steig ab und komm her!”

Der Junge in der grauen Aspirantenuniform der schwarzen Garde glitt von seinem Tier und ging zu dem Gardisten hinüber.

„Was schätzt du, wie lange das Feuer hier schon erloschen ist?” Der Gardist bewegte die entblößte Hand über der Asche hin und her, um die Wärme zu erfühlen, und der Junge tat es ihm gleich. Auf seinem Handrücken klaffte ein kreisrundes Loch, das sich mit dem Spreizen der Finger ins Ovale verformte und weit genug war, um einen Daumen hindurch zu stecken.

„Es ist völlig kalt”, behauptete er. „Es könnte von Gestern sein oder von letzter Woche.”

„Greif ‘rein!”, forderte der Mann ihn auf. Seinem eigenen Urteil offensichtlich nicht trauend steckte der Junge seine Finger nur zögernd in die Asche.

„Fühlst du die Restwärme?”

Der Gefragte nickte.

„Das Feuer ist also von gestern Abend.” Der Mann hob den Kopf und blickte sich um.

„Woher wusstet Ihr das? An der Oberfläche war nichts zu spüren.” Das Kind klopfte sich den Aschestaub von den Fingern.

„Es hat heute Nacht geregnet, Merkat. Wäre die Feuerstelle älter, müsste sie ebenso feucht sein, wie der Waldboden drum herum.”

Das Kind zog eine Grimasse.

„Und dafür mache ich mir die Hände schmutzig!”

„Ja!”, lachte der Gardist. „Und dafür, dass ich jetzt weiß, dass ich mir nicht die Finger verbrenne!” Erst jetzt griff auch er tiefer in die verbrannten Überreste.

„Fünf Stunden, schätze ich. Sie müssen früh aufgebrochen sein. Ich glaube, sie wissen, dass wir ihnen auf der Spur sind.” In der Hocke verharrend drehte der Mann sich jetzt auf seinen Absätzen herum und zog seinen Handschuh wieder über.

„Siehst du das niedergedrückte Gras, da vorne?”

Ein Nicken antwortete.

„Da hat jemand geschlafen heute Nacht. Du kannst von der Feuerstelle ausgehend in Kreisen das Lager inspizieren und die Schlafstellen zählen.”

Die Miene des Kindes hellte sich auf.

„Auf diese Weise können wir herausfinden, mit wie vielen Männern wir es zu tun haben!”

Der Gardist nickte.

„Völlig richtig.”

Mit Eifer ging der Aspirant an die Arbeit. Von dem Mann beobachtet, beschrieb er sorgfältige Kreise um die Feuerstelle, den Blick fest auf den Boden geheftet. Schließlich, nachdem er eine letzte Runde am Rande der Lichtung gedreht hatte, richtete er sich auf

„Fünf!”, meldete er.

„Hast du da hinten unter dem überhängenden Busch geschaut?”

„Nein!” Merkat lief zu der bezeichneten Stelle hinüber und hob die wuchernden Ranken in die Höhe.

„Ihr habt recht!” rief er über die Schulter zurück. “Hier hat auch jemand gelegen!”

„Also sechs”, murmelte der Gardist und ging zu den Pferden zurück. Der Junge schloss zu ihm auf.

„Wollt Ihr es nicht nachprüfen?”, fragte er verwundert.

„Nein”, der Mann blickte auf das Kind hinunter. “Ich erwarte, dass du sorgfältig gezählt hast. Ist dir sonst noch etwas besonderes aufgefallen?”

Merkat nickte.

„Der Mann unter dem Busch muss ziemlich dick sein. Die Lagerstelle war ganz schön breit.”

„Entweder das”, nickte der Gardist, “oder er hat einen unruhigen Schlaf und wälzt sich viel herum. Oder aber”, er machte eine kleine Pause, “es waren zwei. Vielleicht ist noch eine Frau bei der Gruppe.”

Merkat saß auf und spielte mit den Zügeln, während der Gardist hinter das andere Pferd trat und die Satteltaschen öffnete.

„Also sieben”, ergänzte der Junge seine Aufzählung, „Wie gut, dass wir hier weichen Boden und Gras haben! Was hätten wir gemacht, wenn der Boden kahl und felsig gewesen wäre?”

„In dem Fall zählt man die Kothaufen”, erklärte der Gardist ungerührt und der Aspirant verzog angeekelt das Gesicht. „Die meisten Männer haben Morgens oder Abends kräftigen Stuhlgang. Ist nicht so verlässlich, wie die Schlafplätze zu zählen, gibt aber immerhin einen Hinweis.”

Der Junge drehte sich im Sattel um und beobachtete die Suche seines Begleiters in der Satteltasche.

„Saik?”

„Hm?”

„Meint Ihr nicht, es wäre Zeit, dass ich meine Bolzenschleuder anlege?”

Der Mann blickte nicht auf.

„Genau danach suche ich. Ah, hier.” Er brachte ein Bündel zum Vorschein, das in etwa die Größe von zwei Fäusten hatte. Behutsam wickelte er die schützenden Leinentücher ab und zum Vorschein kam eine kompakte, silbrige Waffe ähnlich der, die auch der Gardist am Handgelenk trug. Die Augen des Knaben leuchteten voll Begehrlichkeit auf. Saik betrachtete das Gerät und musterte dann den Jungen.

„Ich will dein Wort, dass du sie nicht auf mich richtest”, forderte er ernst. Das Kind lächelte unsicher.

„Habt Ihr etwa doch Angst vor mir?”

„Dein Wort Merkat. Als Aspirant der schwarzen Garde.”

Der Knabe zögerte. Er sah auf den Mann hinab, dann nickte er.

„Ihr habt mein Wort”, bestätigte er ernsthaft. „Ich werde die Bolzenschleuder nicht gegen Euch verwenden.”

„Gut.” Der Gardist reichte dem Jungen die Waffe, die dieser ihm mit einer schnellen Bewegung abnahm. Aus seiner Kleidung förderte Merkat einen grauen Handschuh zu Tage, der auf beiden Seiten bis in die Mitte der Handfläche geschlitzt war. Diesen zog er über die durchbohrte Hand. Dann klappte er die beweglichen Flügel der wie eine kleine Armbrust konstruierten Waffe hoch, so dass sie parallel zueinander aber senkrecht zu der länglichen Munitionskammer standen. Diese Spitze führte er ohne besondere Behutsamkeit durch das von den Schlitzen des Handschuhes freigelassene Loch in seiner Handfläche. Routiniert befestigte er einige dazu vorgesehene Schnallen und Klammern und klappte schließlich die Flügel in ihre Ruheposition parallel zu seinem Handrücken. Eine unmerkliche Bewegung der Finger, fast mehr der Sehnen in der Handfläche, ließ die Flügel aufschnappen. Eine leichte Drehung im Handgelenk spannte sie und beförderte einen schmalen, metallenen Bolzen in seine tödliche Ausgangsposition.

„Man vermisst sie, wenn sie nicht da ist, nicht?” Der Gardist hatte das Anlegen der Waffe wie ein Ritual beobachtet. Jetzt hob er die Augen zu dem Jungen und ein verhaltenes Lächeln kräuselte seine Lippen. Der Junge blickte auf, dann nickte er.

„Irgendwie schon.” Er entfernte mit der Linken den Bolzen aus der Waffe und steckte ihn von hinten zurück in die Munitionskammer. Dann klappte er die Flügel wieder ein, wozu er ebenfalls die andere Hand zur Hilfe nehmen musste. Während dessen saß Saik auf und schweigend lenkten sie dann ihre Pferde wieder auf die Spur, der sie schon seit zwei Tagen folgten.

Fast einen Monat war es inzwischen her, dass sie die Fenier verlassen hatten. Seit dieser Zeit waren sie miteinander unterwegs, und gelegentlich vergaß Merkat fast, dass dieser Mann, auf dessen breiten Rücken er jetzt starrte, seinen Patron getötet und ihn aus der Obhut der Schwarzen Garde entführt hatte. Saik hatte ihn zu den Feniern gebracht, dem Volk, aus dem sie beide eigentlich stammten. Aber dort war nicht ihr Platz gewesen, weder seiner, noch der des Gardisten.

Nicht, dass Saik es nicht versucht hätte. Vielleicht wären sie jetzt noch dort, wenn Merkat nicht immer und immer wieder versucht hätte, zu fliehen. Aber schließlich hatten sie doch gehen müssen, und jetzt ritten sie gemeinsam, und Saik versuchte, dem Jungen beizubringen, was er wissen musste, wenn er einmal selbst die schwarze Uniform der Garde tragen wollte.