Der Trollring - Leseprobe
Der Kurzroman ist im Juni 2010 im Arcanum Fantasy Verlag erscheinen.
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Daric hasste Elfen. Er verachtete ihre verworrenen Äußerungen, die sich niemals festlegten. Er verabscheute ihr unschuldiges Äußeres, hinter dem sich ebenso viel Hinterlist und Verrat verbergen konnte, wie hinter dem pockennarbigen Gesicht eines Sklavenhändlers. Vor allem aber brachte ihn die Arroganz auf, die sie gegenüber jedem an den Tag legten, der nicht von ihrer Art war.
Aus diesem Grunde fiel ihm von der ganzen Reisegruppe die Elfe als erstes auf, und er stockte unwillkürlich.
Sie war schön, wie jede ihrer Art: schlank und grazil mit pergamentfarbener Haut und mandelförmigen Augen. Glänzende, dunkle Locken flossen über ihren Rücken, wogten elegant, als sie sie hinter die spitzen Ohren strich. Sie war makellos wie eine Marmorstatue - und strahlte auch in etwa so viel Wärme aus.
„Setz dich da hin!“
Skrimm zerrte an der Kette, so dass Darics Halsring schmerzhaft ruckte. Folgsam trottete der Sklave zu dem Stuhl hinüber, auf dem sein Herr Platz nahm. Als er sich dahinter zu Boden gleiten ließ, klirrten die Eisen an seinen Hand- und Fußgelenken. Den Rücken gegen die Wand gelehnt beobachtete Daric, wie sein Herr die Reisegesellschaft begrüßte, der sie sich auf ihrem Weg durch die ghulverseuchte Hochebene des Kerren anschließen wollten.
Die Reisenden waren hauptsächlich Menschen: Händler und Pilger, aber auch ein Zwerg saß am Tisch. Außerdem war da noch ein versklavter Hausgnom – und eben die Elfe, die sich als Aroanida jando Slindawen vorstellte. Daric verdrehte die Augen. Elfeneltern lagen sicher nächtelang wach, um sich diese unaussprechlichen Namen auszudenken!
„Ihr seid ein Kopfgeldjäger?“, wandte sich einer der Gäste an Skrimm. Wie er auf diese Idee hatte kommen können, war Daric schleierhaft, denn sein Herr besaß den hervorquellenden Spitzbauch des reichen Genießers und den seidenschimmernden Aufputz eines Stutzers. Der Gefragte schüttelte denn auch mit einem geschmeichelten Lachen den Kopf.
„Da sei Belon davor! Nein, ich bin Kaufmann in Allan-Ten und auf dem Weg zu einem Geschäftspartner.“
„Ich dachte, wegen ihm“. Der Frager nickte zu dem Sklaven hinüber und Daric widerstand der Versuchung, sich abzuwenden und so seine linke Wange dem Blick der Reisenden zu entziehen. Stattdessen ballte er die Hände zu Fäusten und starrte finster auf die federbesetzten Schuhe seines Herrn. Sich abzuwenden würde nicht helfen. Sie alle hatten den durchkreuzten Kreis bereits gesehen: das Brandzeichen der verurteilten Mörder.
Wie sehr Daric dieses Zeichen verwünschte! Es fesselte ihn in die Unfreiheit – mehr noch als die Ketten an seinen Händen oder der Ring um seinen Hals.
Skrimm drehte sich jetzt auf seinem Stuhl, legte den fleischigen Arm über die Rückenlehne und musterte Daric mit dem feisten Stolz des Besitzers.
„Der Bursche ist schon lange in Gefangenschaft“, sagte er in plauderndem Ton. „Ich habe ihn vor fünf Jahren billig erstanden und dann viel Geld in seine Ausbildung gesteckt. Er ist Arenensklave und schon in unzähligen Kampfspielen aufgetreten, sogar in Arag-Nor und Peronat. Jetzt bring ich ihn meinem Sohn in Geri-N‘Gor als Geschenk mit – ein Arenenkämpfer auf der Höhe seiner Kraft.“ Er machte eine auffordernde Handbewegung. „Na los, zieh dein Hemd aus und zeig’ dich den Gästen!“
Daric zögerte. Erst auf eine erneute Aufforderung hin erhob er sich widerwillig und schaute finster in die Runde, während er die Knöpfe seiner Hemdjacke öffnete. Das war zwar nicht das angemessene Verhalten für einen Leibeigenen, doch Arenensklaven sah man Aufsässigkeit nach – versprach es doch Kampfgeist.
Obwohl Daric schon viele Jahre leibeigen war, konnte er sich doch nie an die Zurschaustellung gewöhnen, die Skrimm so sehr genoss. Er biss die Kiefer aufeinander und spannte die Muskeln an während er die Jacke über die Schultern gleiten ließ. Ausziehen konnte er sie wegen der Ketten nicht, aber was er zeigte, genügte, um den Anwesenden anerkennende Laute abzunötigen.
Das Licht der Öllampen ließ seinen Oberkörper schimmern und milderte den Anblick der Narben, die seine Haut durchfurchten. Er war Mitte zwanzig, besaß breite Schultern, kräftige Arme und einen muskulösen Torso. Sein Körper zeigte jedoch nicht die plumpe Kraft eines Ork, sondern die sehnige, elegante Ausdauer und Geschmeidigkeit, zu der man nur einen Menschen trainieren konnte.
In einigen Augen glitzerte es begierig auf.
„Vielleicht findet sich im Dorf ein Sklave, mit dem man einen Schaukampf veranstalten könnte!“, schlug einer der Anwesenden vor. Daric musterte ihn finster. Er hatte gegen erfahrene Haudegen gekämpft ohne zu zögern, aber zur Belustigung einer Reisegesellschaft irgend einen hilflosen Dorfsklaven zu erschlagen war nicht gerade das, was er unter fröhlicher Abendunterhaltung verstand.
Ausgerechnet die Elfe, die ihn keines Blickes gewürdigt hatte, rettete die Situation. Sie schob lautstark ihren Stuhl zurück und erhob sich steif.
„Die Herrschaften werden gestatten, dass ich mich an diesem Punkt der Unterhaltung zurückziehe.“ Ihre Stimme war sanft, und doch schwang eine unüberhörbare Kühle darin mit.
„Schaukämpfe sind wohl unter ihrer Würde“, dachte Daric und schaute ihr grimmig nach. Immerhin hatte sie erreicht, dass sich das Gespräch einem anderen Thema zuwandte: den Elfen. Es war ungewöhnlich genug, dass sich eines dieser Wesen in der Reisegruppe befand. Im Allgemeinen lebten Elfen zurückgezogen in ihren Wäldern und blieben unter sich. Die meisten am Tisch hatten in ihrem Leben noch keinen Vertreter dieser Art gesehen.
„In den Mauern von Geri-N’Gor hat sich eine ganze Gruppe angesiedelt“, wusste Skrimm zu berichten. „Niemand weiß, was sie da wollen, aber es kann nichts Gutes sein.“
Daric wurde nicht mehr beachtet. So ließ er sich wieder an der Wand nieder, knöpfte seine Jacke zu und hing seinen Gedanken nach.
OOO
Aroanida hatte die hölzernen Fensterflügel weit aufgestoßen und atmete die milde Nachtluft. Zärtlich strich der Wind über die Krone des Baumes, der im Hof der Herberge stand, das einzige lebendige Wesen, das sein Licht verbreitete. Sie fühlte sich elend – von steinernen Mauern umgeben und von Möbeln aus totem Holz. Wieso mussten die Menschen alles töten, worauf sie stießen?
Sie schloss die Augen und schickte ihre Gedanken in die Nacht hinaus.
„Vater?“
„Tochter!“ Seine Worte erreichten sie und füllten sie mit Wärme. „Ich habe nach dir gelauscht, wo bist du gewesen?“
„Wir sind später in der Herberge angekommen, als erwartet“, antwortete sie, „Die Menschen haben alles ausgefüllt mit ihrem Lärm und ihrem Gestank – ich konnte keine Ruhe finden.“
„Mein geliebtes Kind. Nur noch ein paar Tage, dann bist du aus ihrer Nähe befreit. Ich komme dir entgegen aus Geri-N‘Gor.“
Wie sehr sie sich danach sehnte, ihn wieder zu sehen! Drei Jahre lang, seit er in der Stadt der Menschen lebte, hatten nur seine Gedanken sie erreicht.
„Schlaf nun, Kind! Der morgige Tag ist der gefährlichste der Strecke. Nur die Nähe der Menschen gibt dir Sicherheit vor den Ghul.“
Aroanida seufzte auf.
„Ich weiß.“
Noch schlimmer als die Menschen waren die Ghul, und in der steinernen Wüste der Berge gab es für eine Elfe keine Sicherheit und kein Versteck. Nur die Menschen konnten sie schützen.
Wie erniedrigend es war, auf diese Wesen angewiesen zu sein. Sie hatte ihnen noch nie zuvor so nah sein müssen, ihrer Grobheit und Grausamkeit – das Schauspiel kam ihr wieder in den Sinn, dem sie eben im Schankraum beigewohnt hatte, und sie schauderte. Ob die Menschen tatsächlich heute Nacht noch zwei der ihren gegeneinander hetzen würden? Sie hatte die Narben gesehen, die der Kämpfer getragen hatte. Der Anblick hatte sie merkwürdig berührt.
Elfen verletzten sich nicht oft, und wenn, ließen sie ihre Körper glatt und ebenmäßig verheilen. Doch die Haut dieses Menschen war von klaffenden Graten durchfurcht gewesen und wulstige Erhebungen mit seitlichen Einstichen hatten angezeigt, wo die Haut zerschnitten und wieder zusammengenäht worden war – offenbar um die Heilung zu unterstützen. Welch barbarisches Vorgehen, eine Nadel durch lebendes Fleisch zu treiben, wie durch einen gewebten Stoff!
Wollte er etwa diese Zeichen ausgefochtener Kämpfe tragen? Immerhin schienen die anderen Menschen ihn dafür zu bewundern. Doch Aroanida hatte im Schankraum seinen Widerwillen gegen den Vorschlag des Kutschers gespürt – der Sklave hatte nicht kämpfen wollen.
„Was hast du, Tochter?“
Sie hob den Blick zu den drei silbrigen Monden, die am Himmel schwammen wie weiße Blüten auf einem Teich.
„Warum versklaven und töten die Menschen Ihresgleichen?“, fragte sie. „Kein Tier tut das.“
„Sie sind Missgeburten“, gab ihr Vater zurück, „ein Unfall, der nicht hätte geschehen dürfen. Sie sind Tiere mit dem Geist von Elfen, doch ohne ihre Seelen.“
Aroanida wusste das. Sie hatte es als Kind gelernt zusammen mit den Mahnungen, sich vor den Menschen zu verbergen und sich nicht in ihre Angelegenheiten einzumischen. Aber sie fragte sich, wie die Menschen selbst es ertragen konnten, so zu leben, so zu sein.
OOO
Daric erwachte mit schmerzendem Schädel. Felsiger Boden stach in seinen Rücken und über sich erkannte er die Bodenbretter eines Karrens. Was war geschehen?
Er erinnerte sich noch, dass sie am Morgen aufgebrochen waren. Die Reisegesellschaft war mit ihren gerade mal vier Wagen eher klein ausgefallen, aber doch groß genug, dass die Ghul lieber einen Bogen darum machen würden.
Ghul! Er lauschte und tatsächlich hörte er das Grunzen dieser gierigen Räuber.
Entgegen alle Erwartungen waren sie plötzlich da gewesen, waren förmlich aus den Felsen gewachsen: ein ungewöhnlich großes Rudel, hässliche, geifernde Fratzen mit plumpen Waffen und gierigen Blicken. Hatte er gekämpft? Er war sicher, dass er sich verteidigt hatte, aber er konnte sich an nichts mehr erinnern. Vermutlich hatte er einen Hieb auf den Kopf bekommen und war dann unter den Wagen gerollt. Oder hatte der Ring ihn erledigt?
Vorsichtig, damit die Bewegung keine Aufmerksamkeit erregte, zog er die Beine unter das Versteck. Er drehte sich auf den Bauch, bemüht, dass seine Ketten dabei möglichst wenig Geräusch verursachten, und spähte zwischen den hölzernen Speichen der Räder hindurch.
Die Wagen standen noch in einer sauberen Reihe hintereinander, doch die Pferde waren tot oder abgeschirrt. Die Habseligkeiten der Reisenden waren über die ganze Umgebung verstreut: eine aufgeschlitzte Ledertasche lag auf dem Weg, ein Hemd flatterte in einem Busch. Daric schloss kurz die Augen, als Erinnerungen ihn wie eine heiße Welle durchfluteten. Er drückte sie energisch zur Seite. Nicht jetzt!
Sie waren noch da: massige, kaum behaarte Körper, grau wie der Fels, mit den hässlichen Fratzen der Aasfresser. Er konnte sehen, wie sie die Wagen durchsuchten und grunzend die Leichen der Erschlagenen fortschleiften. Zweifellos würden sie die Kadaver später fressen – und zwar gleichgültig, ob es sich um Tote der eigenen oder einer fremden Art handelte. Tiere waren sie, grunzende, geifernde Tiere, die mit ihrem aufrecht watschelnden Gang, der Kleidung und den Waffen versuchten, Menschen zu imitieren.
Aber gefährliche Tiere. Er musste weg, bevor sie ihn entdeckten.
Er schob sich vorwärts und die Ketten klirrten leise. Daric verfluchte sie stumm. Man musste einen Gebrannten in der Öffentlichkeit gesichert halten, und Skrimm liebte den martialischen Eindruck, den es machte, wenn er einen muskulösen Mann in Ketten hinter sich her zog. Widerlicher, kleiner Angeber.
Um den zumindest musste Daric sich keine Sorgen mehr machen. Er konnte beobachten, wie zwei Ghul Skrimm an den Beinen davon zerrten. Etwas dunkles schleifte hinter dem Körper her, und der Sklave erkannte, dass es eine Darmschlinge war, die aus dem aufgeschlitzten Bauch hing. Sein Herr war zweifellos tot.
Aber frei war Daric darum noch lange nicht. Da waren die Ketten an seinen Hand- und Fußgelenken, da war dieses Brandzeichen auf seiner Wange, das ihm den Zugang zur menschlichen Gesellschaft verwehrte, und da war auch noch dieser Ring um seinen Hals. Aber das alles waren Sorgen, die er sich später machen konnte. Zuerst einmal musste er weg.
Daric wusste, wie gefährlich es war, inmitten eines Haufen Ghul zu kauern, denen der Blutgeruch noch in den Nüstern lag. Trotzdem übereilte er nichts. Aus seinem Versteck heraus beobachtete er kaltblütig das Rudel, und erst, als er sicher wusste, wie sie sich über den Schlachtplatz verteilten, kroch er vorsichtig unter dem Wagen hervor, zu den Felsen hin. Dann schlich er hinter den Wagen entlang, die Sinne weiter auf seine Feinde gerichtet – und wäre dabei fast über die Elfe gestolpert.
Er hatte gehört, dass diese Wesen sich unsichtbar machen konnten, aber gesehen hatte er es noch nie. Jetzt erkannte er, dass es keine wirkliche Unsichtbarkeit war. Es war eher so, dass man sie nicht bemerkte.
Die Elfe kauerte mit angstgeweiteten Augen unter einem der Sträucher, die sich zwischen die Felsen krallten. Daric konnte die zusammengesunkene Gestalt durchaus sehen – wenn er sie nicht direkt anblickte. Wollte er sie sehen, musste er an ihr vorbei schauen und sich auf die Wahrnehmung am Blickfeldrand konzentrieren, so wie man einen schwachen Lichtpunkt in der Nacht auffindet. Sobald er den Blick auf sie gerichtet hielt, schien ihre Form ins Diffuse zu verschwimmen, sich aufzulösen in der glirrenden Helle der Mittagssonne.
Er ging an ihr vorbei und forderte sie mit seinem Blick und einer knappen Kopfbewegung auf, ihm zu folgen. So, wie er es sah, waren sie die einzigen Überlebenden, und vielleicht konnten sie sich gegenseitig unterstützen. Der Weg aus dem Gebirge hinaus würde kein Spaziergang werden.
OOO
Willkommen in Esthers Welt
