Nächte des Wolfes - Leseprobe

 

Kapitel 1 - Wolf

 

Es war jedes Mal dasselbe. Je-des Mal, und ich ärgerte mich über mich selbst. Ich hätte mir eigentlich denken können, wie dieser Abend mit Angie in der Disco verlaufen würde!

Ich ging nicht oft mit Angie in die Disco. Eigentlich ging ich nirgendwo oft mit Angie hin, denn außer den zwei verwohnten Zimmern dieser kleinen Dachwohnung hatten wir beiden jungen Frauen nicht viel gemeinsam. Angie, die eigentlich Angelika hieß, diesen Namen aber für so peinlich hielt, dass nur ihre nächsten Bekannten davon wussten, jobbte im Sonnenstudio die Straße ‘runter und verband das mit einer Ausbildung zur Kosmetikerin. Ich dagegen hatte mich bereits zwei Semester im juristischen Bereich der Uni herumgedrückt und traute mich nicht, meinen Eltern einen Studienabbruch zu präsentieren, von dem ich inzwischen bereits zu träumen begann. So quälte ich mich von einer Hausarbeit zur nächsten und hielt mich mit Repetitorien so gut es ging über Wasser.

Auch äußerlich konnten wir beiden nicht unähnlicher sein. Ich, mit meinen kurzen, braunen Haaren und dem verwaschenen Studentenlook, war unscheinbar wie ein Veilchen im Lavendelfeld, obwohl ich mir heute Abend sogar ein wenig Schminke geleistet hatte. Aber neben der schlanken Angie mit der blonden Mähne und der eindrucksvollen Oberweite hatte ich keinen Stich machen können, zumal meine Hausgenossin heute abend in einem kurzen, enganliegenden Kleid steckte, das im wesentlichen aus zwei schwarzen Stoffbahnen bestand, die an den Seiten durch metallene Klammern zusammengehalten wurden. Die weiten Abstände zwischen den Klammern zeigten allzu deutlich, dass sie darunter nichts, aber auch gar nichts trug.

„Um neben ihr aufzufallen, hätte ich mich nackig ausziehen müssen”, dachte ich bitter. „Und wahrscheinlich hätte nicht mal das gereicht.”

Ich stand in der Küche der kleinen Wohnung und goss Kaffee in drei große Becher. Den einen davon reichte ich Angies heutiger Eroberung.

„Wolf”, dachte ich. „Der Name passt zu ihm.”

Der junge Mann, der am Küchentisch lehnte, nahm mir das dampfende Getränk ab und lächelte mich an.

„Danke”, sagte er. Seine Stimme klang warm und melodisch.

„Gelbe Augen”, dachte ich. Ich hatte gar nicht gewusst, dass es so etwas gab. Oder lag das nur am Licht? Ich begegnete seinem forschenden Blick und senkte verlegen den Kopf, um mit geheucheltem Interesse den dritten Becher zu betrachten, der noch neben dem Kaffeekocher stand und auf Angie wartete.

„Du studierst Jura?”, fragte Wolf unvermittelt. Ich schreckte hoch.

„Ja ...”, bestätigte ich. „Hat Angie das erzählt?”

Er nickte und blies sachte den Dampf von seiner Tasse in die Küche hinein, während seine gelben Augen mich über den Becherrand hinweg musterten. Sein Blick hatte etwas durchdringendes, fand ich, etwas bannendes fast. Mir wurde unbehaglich.

„Ich hätte nicht gedacht, dass sie über mich redet”, behauptete ich in der Hoffnung, seine forschenden Augen durch Worte etwas abzulenken, aber das gelang mir nicht.

„Ihr seid wohl keine besonders engen Freundinnen”, vermutete er.

„Ach”, erwiderte ich ausweichend. „Man kann’s mit ihr aushalten.” Ich musterte ihn nun meinerseits verstohlen. Hier, im hellen Neonlicht der Küche wirkte er noch blasser als zuvor. Mir kam in den Sinn, dass in den Krimis die blassen Männer immer frisch aus dem Gefängnis entlassen sind, aber kaum hatte ich diesen Gedanken zu Ende gedacht, musste ich schon über mich selbst lächeln. Er hatte wenig von einem Verbrecher. Höchstens vielleicht von einem dieser Gentleman-Gauner aus den alten Filmen. Wahrscheinlich wirkte er nur so blass, weil seine schwarzen Haare und der lange, dunkle Mantel einen so starken Kontrast zu der helleren Haut bildeten.

Wie die meisten von Angies Eroberungen sah er unverschämt gut aus. Er war schlank und drahtig, mit schmalen Hüften aber breiten Schultern, soweit ich das unter dem Mantel ausmachen konnte. Wie er so dastand strahlte er Ruhe und Sicherheit aus — was wiederum mich verunsicherte. Ich fühle mich immer plump und hässlich neben solchen Menschen.

Als mir bewusst wurde, dass wir uns gegenseitig stumm gemustert hatten, errötete ich unwillkürlich. Ich war einfach zu müde, um meine Mimik ganz unter Kontrolle zu halten. Immerhin war es schon nach drei Uhr am Morgen und ich war an diese Art von Nächten nicht gewöhnt.

„Und was ist mit dir und diesem Kurt?”, fragte ich, mehr, um die Stille zu brechen, als aus Interesse. Er ließ sich Zeit mit der Antwort.

„Wir sind alte Freunde”, erklärte er schließlich. Ich versuchte, mir Kurt, den unscheinbaren jungen Mann, der uns nach Hause gefahren hatte, wieder ins Gedächtnis zu rufen, aber es wollte mir nicht ganz gelingen. Wahrscheinlich ging es ihm neben diesem Romeo wie mir neben Angie.

„Er ist ... behindert, nicht wahr? Also, ich meine ...” Ich verstummte verlegen.

„Er hat ein verkrümmtes Rückrat”, nickte Wolf. „Das eine Bein wird dadurch etwas kürzer. Darum hinkt er.”

„Armer Kerl”, bedauerte ich ihn, und mein Mitgefühl war echt. „Er hätte ja ruhig noch mal mit ‘rauf kommen können ...”

Mit einem Grinsen senkte Wolf den Kopf und sah mich von unten herauf an. Wir wussten beide, dass dieser Satz reichlich dumm gewesen war, und ich wurde wieder verlegen.

„Auf jeden Fall scheint er ein ziemlich guter Freund zu sein”, behauptete ich mit unmotiviertem Trotz, „und ein fürsorglicher Mensch.”

Kurt hatte uns alle drei hier abgeliefert und war dann selbst ohne weiteres wieder gefahren. Er hatte sogar das Angebot gemacht, Wolf später wieder abzuholen.

„Wer ist fürsorglich?”, gurrte eine Stimme von der Türe her. Angie war wieder aufgetaucht, hatte offensichtlich das bereits etwas verlaufene Make-up erneuert, die Kontaktlinsen herausgenommen und auch sonst die wesentlichen Dinge für den weiteren Abend vorbereitet. Sie und Wolf betrachteten sich gegenseitig mit sichtlichem Begehren. Mir wurde die ganze Sache ungemütlich.

„Kurt”, erwiderte ich, obwohl mir klar war, dass Angie gar keinen Wert auf die Beantwortung ihrer Frage gelegt hatte.

„Kurt?”, fragte sie denn auch abwesend und hob eine Augenbraue.

„Er hat uns hergefahren, oder hast du geglaubt, das Auto fährt mit Autopilot?”, gab ich bissig zurück.

Wolf blickte zu mir hinüber und seine Augen schienen zu lachen.

„Ach ja, Kurt”, murmelte Angie jetzt und wandte mich an den Gast. „War das übrigens sein BMW oder deiner?”

„Der Wagen gehört mir”, antwortete Wolf. Angie lächelte und kam mit wiegenden Hüften näher.

Er weiß, wie man eine Motte fängt”, dachte ich mit leiser Verachtung und beobachtete, wie meine Wohnungsgenossin ihre schlanken Arme um seinen Nacken legte.

„Und du lässt Kurt fahren?” Die Stimme der Blondine war weich und samten.

„Er behandelt ihn sachte und zart wie eine Geliebte”, versicherte er, während er den Kaffeebecher auf den Tisch stellte und die Hände auf ihre Hüften legte. In den nun folgenden Kuss hinein brummte ich:

„Ich werd’ hier wohl nicht mehr gebraucht, also gute Nacht ...” Ich wartete keine Antwort ab — da hätte ich wohl auch ziemlich lange warten können — und zog mich mit dem Kaffee in mein Zimmer zurück. Dann kam ich doch noch einmal heraus in den Flur und griff nach dem Telefon, das dort auf dem Boden stand. Die lange, ewig verhedderte Schnur hinter mir her zerrend, bugsierte ich das grellrote Gerät in mein Zimmer. Ich vermied dabei, mich mit meinem Blick in die Küche zu verirren, wo das Rascheln von Stoff verriet, dass die beiden schon über das Küssen hinaus waren. Na, da konnte ich mich ja auf einiges gefasst machen. Und das Ohropax war alle!

Im Schneidersitz hockte ich mich auf das Bett und wählte die Nummer eines der städtischen Krankenhäuser. Nach einigem Tuten meldete sich eine Stimme am anderen Ende.

„Station Vier, Schwester Susanne.”

„Hallo Susi, ich bin’s. Hast du ‘n bisschen Zeit zum Schwätzen?”

„Machst du Witze?” kam es aus der Leitung. „Ich hab’ Nachtdienst in der Diabetikerstation! Ich fange vor Langweile an, nachzuzählen, ob in einer frischen 500er-Packung auch wirklich 500 Tabletten drin sind! Wer weiß, vielleicht kann ich was reklamieren. Aber was machst du denn um die Uhrzeit am Telefon? Kannst du nicht schlafen?”

Ich seufzte auf

„Wir waren in der Disco und Angie hat mal wieder einen Lover abgeschleppt. Das wird ‘ne lange Nacht, denke ich mal.”

„Und er hat keine Lust auf ‘nen flotten Dreier?”, feixte die Krankenschwester.

„Ha, ha”, brummte ich wenig amüsiert.

Das Gespräch plänkelte hin und her und nach einiger Zeit hörte ich das vertraute, rhythmische Quietschen aus dem Nachbarzimmer.

„Hier, hör’ mal!” Ich hielt den Hörer gegen die Wand. Als ich das Gerät wieder am Ohr hatte fragte Susi mitfühlend:

„Und wie lange geht das jetzt so?”

„Schwer zu sagen”, erwiderte ich. „Leider sah er ziemlich fit aus.”

„Na, viel Spaß. Magst du ‘rüberkommen? Wir haben hier noch ein Notbett frei!”

„Danke, aber ich versuch’s erst mal mit Watte in den Ohren, und wenn das nicht ...”

„ ... Moment mal!”, wurde ich unterbrochen. Ich hörte ein paar dumpfe Töne, als ob Susanne den Hörer zu hielt, dann kam wieder die Stimme der Nachtschwester.

„Du, tut mir leid. Ich muss Schluss machen. Schwester Inge hat gerade gerufen. Wir seh’n uns ja morgen abend!”

„Was? Ach ja richtig. Hätte ich fast vergessen.”

„Na, wehe!”, drohte Susi lachend. „Du wirst mich doch nicht an meinem ersten freien Abend seit neun Tagen versetzen!”

„Natürlich nicht! Ich hätte mich schon noch rechtzeitig erinnert. Also, bis dann!”

Seufzend legte ich den Telefonhörer auf und horchte auf das Stöhnen und Quietschen von nebenan. Der heutige Gast schien wirklich ausdauernd zu sein. Ein, zweimal hörte ich Angie lustvoll aufschreien, dann trat eine Pause ein, aber nicht lange und weiter ging’s. Ich lauschte eine Weile, dann verdrehte ich die Augen und stand auf. Hoffentlich würde ich heute noch zu ein wenig Schlaf kommen. Es klang nicht so sehr danach.

Ich pellte mich aus meinen Jeans, zerrte die Bluse über den Kopf und warf beides achtlos zu den anderen Kleidungsstücken in die Spalte, die zwischen dem Fußende meines Bettes und der Wand klaffte. Dann zog ich den Schlafanzug über und zuckte zusammen, als wieder ein Schrei ertönte, und danach ein langgezogener, wohliger Seufzer.

Ich fühlte eine Gänsehaut. Ich selbst war außer einigen eher flüchtigen Petting-Erlebnissen ziemlich unerfahren. Irgendwie war ich noch nie einem Mann begegnet, den ich so nah an mich hätte heranlassen wollen. Außerdem, so behauptete ich stets, gab es genug andere interessante Dinge, die „frau” tun konnte.

Ich hatte mir angewöhnt, meine mehr oder weniger freiwillige Jungfernschaft mit trotzigem Stolz zu präsentieren, und Angies völliges Unverständnis amüsierte mich. Andererseits hatte ich nicht selten das Gefühl, etwas zu verpassen, und die Geräusche von nebenan gingen mir unter die Haut, ohne dass ich es jemals zugegeben hätte. Fast unbewusst strich ich mit den Händen über das baumwollene Oberteil meines Schlafanzuges. Meine Finger berührten die empfindlichen Spitzen meiner Brüste unter dem dünnen Stoff und ein prickelndes Gefühl durchrieselte mich. Dann schüttelte ich, ärgerlich über mich selbst, den Kopf.

„Das ist ja albern!” Ich stand auf und tappte ins Bad.

Beim Zähneputzen versuchte ich, mit kräftigen Bewegungen und leisem Summen die nervenden Geräusche aus Angies Zimmer zu übertönen. Es gelang nicht ganz, aber als ich den Mund ausgespült und das Wasser abgedreht hatte, war es mit einem Mal still geworden. Ich lauschte, doch es blieb still.

„Na hoffentlich fangen die nicht gleich wieder mit dem Rumgehopse an”, dachte ich böse. Ich knipste das Licht aus und schlich durch den Flur zurück. Aus ihrem Zimmer fiel Licht auf den graubraunen Teppichboden: ein hässliches Teil, das eine ganze Menge der in Studentenwohnungen wohl unvermeidlichen Spuren ausgelassener Parties aufwies. Bei meinem Einzug hatte ich mir geschworen, diesen Teppichboden niemals Barfuss zu betreten, aber nach einem Jahr WG-Erfahrung war ich nicht mehr so zimperlich. Ich beobachtete die Entwicklung neuer Flecken und Schimmelkulturen auf dem braunen Etwas inzwischen mit angelegentlichem Interesse, und man konnte fast sagen, dass er mir ans Herz gewachsen war. Ich wartete nur auf den Tag, an dem der besudelte Bodenbelag genug organische Masse in sich tragen würde, dass er lebendig werden und aus der Haustüre kriechen konnte. Ich würde ihn vermissen, wenn es so weit war, aber ich gönnte ihm die Freiheit.

Neben meiner Zimmertüre leuchtete knapp über dem Boden die helle Linie von Angies Türspalt. Das Schlüsselloch blinkte wie ein leuchtendes Auge in den dämmrigen Flur hinaus.

Ob die beiden wohl fertig waren? Dann konnte ich ja doch noch auf etwas Erholung in dieser Nacht hoffen. Man könnte ja mal nachsehen ...

Quatsch! Das wäre voyeuristisch! Ich wischte den Gedanken ärgerlich beiseite, aber er kam zurück, setzte sich fest und verursachte Herzklopfen. Bewegungslos verharrte ich auf dem Flur.

Nichts war zu hören. Oder doch? Leises Seufzen drang aus dem Raum. Also hatten sie wohl nur eine Erholungspause eingelegt, waren aber noch bei der Sache.

Noch immer stand ich unschlüssig da. Meine Gedanken gingen hin und her.

Angie machte sich offensichtlich nichts daraus, wenn die halbe Nachbarschaft ihre Liebesnächte akustisch mitbekam. Warum sollte es ihr dann etwas ausmachen, wenn ich kurz durchs Schlüsselloch spähte? Ich hatte ja nicht wirklich zugesehen, wollte nur wissen, ob die beiden vielleicht inzwischen eingeschlafen waren, oder ob mit mehr zu rechnen war. Das konnte man mir ja wohl kaum vorwerfen.

Fast unbewusst war ich bis vor die Türe geschlichen. Mit einer Mischung aus schlechtem Gewissen, Neugier und Wollust stand ich da — eine kribbelnde Mixtur von Gefühlen. Ich zögerte noch, aber dann bückte ich mich — fast ohne mir dessen selber bewusst zu werden — und spähte durch die winzige Öffnung.

Zuerst fand ich mich nicht zurecht, in dem, was ich sah. Das Schlüsselloch zeigte mir lediglich einen kleinen Ausschnitt des Zimmers, das zudem nur schwach, wenn auch zugegebenermaßen romantisch, durch einige Kerzen erhellt war. Dann konnte ich die Kontur eines nackten, angewinkelten Beines ausmachen. Es war Angies Bein: schlank, glatt, mit wohlgeformten Waden. Mein Blick folgte der geschwungenen Linie hinauf zum Knie und wieder hinab bis zu den krausen Löckchen, die offenbarten, dass Angie keine natürliche Blondine war. Unterhalb des Bauchnabels kreuzte ein sehniger, leicht mit krausen, schwarzen Haaren bedeckter Arm die schmale Taille. Wolf, der neben der jungen Frau lag, hatte sich über sie gebeugt und seine Lippen waren angelegentlich mit ihren Brüsten beschäftigt. Angie genoss das offensichtlich. Sie hatte die Arme über den Kopf gehoben und wölbte sich ihm entgegen, während sie leise Seufzer hören ließ. 

Ich starrte wie gebannt auf die Szene. Ich hatte nicht erwartet, dass mich der Anblick so sehr gefangen nehmen würde, aber ich war nicht fähig, die Augen abzuwenden. Ich spürte ein heftiges Rumoren im Bauch und ein Pochen zwischen meinen Beinen, während ich beobachtete, wie er langsam den Kopf bewegte. Fast glaubte ich, selbst die forsche Zunge auf meiner Haut zu spüren.

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis er von der Brust abließ und begann, kleine Küsse auf die Haut zu drücken, wobei er sich hinunter in Richtung des Bauches bewegte. Dort, wo er noch eben gesaugt hatte, blieb ein roter Fleck zurück. Ich starrte die dunkel verfärbte Stelle an, aber dann, als ich den dünnen Blutstropfen sah, der sich seinen Weg hinunter auf das weiße Laken suchte, legte ich erschrocken die Hand auf den Mund.

Das ist kein Knutschfleck. Das ist ein Biss!

Wolf bemerkte den Tropfen und leckte ihn mit einer zärtlichen Bewegung ab. Dann, unvermittelt, stockte er, und schien zu lauschen. Einen Moment lang verharrte er regungslos, dann hob er langsam, mit verwundertem Zögern, den Kopf. Ich fühlte den Blick wie eine kalte Hand nach mir greifen.

Er sieht mich!

Es war unmöglich. Ich stand in dem dunklen Flur, und das Schlüsselloch war viel zu klein, als dass er irgend etwas erkennen konnte! Aber er sah mich. Ich fühlte den Blick seiner durchdringenden Augen, mit denen er mich fixierte, mich fest hielt. Ein dünner Blutfaden lief sein Kinn hinab, und langsam, ganz langsam, verzogen sich seine Lippen zu einem Grinsen. In dem warmen Kerzenlicht sah ich nadelscharfe Zähne blinken.

Ich fuhr zurück.

Nein, das kann nicht sein!

Ich hatte mich aufgerichtet, weg von dem verräterischen Schlüsselloch. Aber ich wagte nicht, mich zu bewegen. Was, wenn die Dielen karren oder mein Schlafanzug rascheln würde? Musste er das nicht hören?

Die Türen waren nicht besonders schalldicht. Ich konnte hören, wie Angie schnurrte: „Bitte, hör’ nicht auf!”

„Es tut mir leid, Angie”, murmelte er. „Ich muss jetzt geh’n.”

„Schon?“ Es klang, als würde sie sich aufsetzen. „Ich dachte, wir frühstücken miteinander!” Enttäuschung schwang in ihrer Stimme mit.

„Diesmal nicht”, entgegnete er warm und schälte sich offenbar aus den Laken. Das war der Moment, in dem ich in mein Zimmer sprintete. Mit zwei, drei Sätzen sprang ich in mein Bett, dass die ausgeleierten Sprungfedern schmerzhaft aufjammerten. Aber ich hatte die Tür nicht geschlossen. Ich musste wissen, was da draußen passierte. Mit gespitzten Ohren saß ich in der Dunkelheit, und lauschte. Offenbar zog er sich an. Ich hörte einen Gürtel klirren.

„Bleib’ ruhig liegen. Ich find’ schon raus.”

„Du hast ‘nen tollen Arsch”, lobte sie bewundernd.

„Ich hoffe, der Rest hat dir auch gefallen!” Ich hörte einen Kuss.

„Sehr!”

Ich hörte ihn im Zimmer herumgehen, als er nacheinander die Kerzen löschte. Er bemühte sich wirklich, keinen Lärm zu verursachen, und als er aus ihrem Zimmer trat und die Tür schloss, verabschiedete er sich nicht einmal mehr. Vermutlich war sie schon eingeschlafen.

Wolf blieb in dem dunklen Flur stehen. Links von ihm gähnte meine offene Tür. Er wandte den Kopf und sah ein Mädchen mit angezogenen Beinen auf ihrem Bett sitzen und ihn voller Angst anstarren. Ich hatte das Telefon auf dem Schoß und umklammerte es mit beiden Händen.

„Wen willst du denn um diese Zeit noch anrufen?”, fragte er leise. Ich starrte ihn nur weiter an, meine Lippen bewegten sich, aber ich brachte keinen Ton heraus. Er wartete noch einen Moment, dann nickte er zum Treppenhaus hin.

„Ist die Haustür unten um die Uhrzeit abgeschlossen?”, fragte er.

Mechanisch schüttelte ich den Kopf.

„Gut”, er nickte. „Falls doch, komme ich noch mal hoch, und klingele.” Es war sicher nicht als Drohung gemeint gewesen, aber für mich klang es so. Er wartete auf irgend eine Reaktion, aber als nichts weiter kam, nickte er mir nur kurz zu.

„Gute Nacht.”

Erst als ich die Wohnungstür ins Schloss fallen hörte, kam wieder Leben in mich. Ich sprang auf, hastete in den Flur und legte mit zitternden Fingern die Kette vor. Dann drehte ich mich wieder um und hechtete mit großen Sätzen in mein Bett zurück, als würde mich etwas verfolgen. Mit einem Sprung warf ich mich auf die Matratze und wühlte mich tief in die Decken. Wie schon als kleines Mädchen erschien mir dieser Ort als die sicherste Rückzugsmöglichkeit vor all den Dingen, die ich mich nicht erklären konnte. Dies war der Platz, an dem nichts mich erreichen konnte, wo ich die Decke über den Kopf ziehen, und alles um mich her ausschalten konnte, wo ich aufwachen und feststellen konnte, dass alles nur ein böser Traum gewesen war.

Das hoffte ich zumindest ...